Jiddu Krishnamurti

Anders Leben

Meine subjektive Zusammenfassung

Dieses Buch dokumentiert in Dialogform Krishnamurtis Einsichten die immerwährenden Fragen - Sinn, Schmerz, Leben, Liebe, Vergnügen, Tod betreffend. Beeindruckend ist die kompromißlose Art seiner Antworten. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich ihn ein paar mal deswegen verflucht habe. Er steht über den Dingen, seinen Angaben zufolge, stand er es aber schon immer. Er berichtet beispielsweise davon, dass er keine Angst kannte. Nicht weil er ein so toller Held im klassischen Sinn war. Nein, denn er brauchte die Angst gar nicht erst heldenhaft zu überwinden sondern er durchschaute sie, erkannte ihre eigentliche Belanglosigkeit. Er nahm die Angst wahr, ließ sie zu, und sie fand deshalb keinen Punkt, an dem sie seinem Bewußtsein anhaften konnte.

Nur wie gelangt man als mit den ganzen Alltagsproblemen und Zeitgeistkrankheiten behaftetes Wesen dorthin? Die großen Religionsstifter haben immer einige "Kochrezepte" zur "Reinigung" mitgeliefert, um zu so einem lotusblättrigen Bewußtsein zu gelangen, an dem alles abperlt.
Krishnamurti aber weigert sich auch in diesem Buch konsequent, einen bestimmten Weg vorzuzeichnen und kritisiert die bestehenden Religionen scharf.
C.G. Jung sagte einmal: " Die Kirche ist 'Durchgang' und Brücke zwischen denen , die mehr, und denen die weniger bewußt sind; und insofern ist sie sinnvoll." Krishnamurti widersetzte sich zeitlebens dem äußeren Drang eine Religionsgemeinschaft zu gründen und er verweigert auch in diesem Buch scheinbar jede Brücke, als unnötigen Umweg. Wenn man genau hinsieht gibt er jedoch eine eindeutige, eine klare, eine mehrmals wiederholte Antwort. Trotzdem erscheint diese Kompromißlosigkeit manchmal etwas lieblos. Er wirkt auf mich, als schoepfte sein Geist aus der gleichen Quelle, wie z.B. Jesus von Nazareth, in dem Gott Mensch wurde, wie die Christen sagen. Aber bei Krishnamurti hat man immer das Gefühl einer gewissen Distanz und Unerreichbarkeit, er bleibt immer "nur" Gott. Nun vielleicht ist das DIE Realität, es gibt jedenfalls zu denken.

Da ich das englische Original nicht vorliegen habe, kann ich es nicht nachprüfen aber die Übersetzung scheint nicht gerade zur Klarheit mancher Passagen in der sehr konzentrierten Rede Krishnamurtis beizutragen. Das Lesen dieses Buches hinterließ nichtsdestotrotz eine spürbare Wirkung. Es ist, als ob ein wenig von der Gelassenheit und intensiven Wahrnehmung des Augenblicks auf den Leser abfärbt - beste Meditation im Krishnamurtischen Sinne. Ein Buch das wirkt, ein Buch für alle die nicht nach fertigen Antworten suchen und theoretisch erst recht für all die anderen.

 

Einige Kostproben...

Was soll ein Mensch tun, der mit dem Problem des Leidens, des Chaos und mit all dem, was um uns herum passiert konfrontiert wird? Was soll er tun? Üblicherweise geht er an die Dinge mit einer vorgefaßten Meinung heran - nämlich der, was er tun sollte. Diese vorgefaßte Meinung ist der Trennungsfaktor. Kann er also die Tatsache seiner Verwirrung beobachten ohne vorgefaßte Meinung, ohne einen Plan, ohne einen vorgezeichneten Weg, wie man aus diesem Chaos herauskommt? Weil seine festgelegten Ansichten, Ideen usw. sich alle aus der Vergangenheit herleiten, und die Vergangenheit das Problem zu lösen versucht, deshalb übersetzt und behandelt er es seinen früheren Lösungen entsprechend, während die Tatsache es erfordert, daß Sie sie ansehen, daß Sie sie anhören. In der Tatsache selbst wird die Antwort liegen. Sie müssen sie nicht zu ihr bringen.

Ich befand mich in Benares, dort, wohin ich immer gehe und machte meine Yoga-Übungen, als eine große schwarze Äffin mit einem schwarzen Gesicht und einem langen Schwanz näherkam und sich auf die Veranda setzte. Ich hatte meine Augen geschlossen und als ich sie wieder öffnete, war da diese große Äffin. Sie sah mich an und ich sah sie an. Eine große Äffin. Das sind kräftige Tiere. Und sie streckte ihre Hand aus; ich stand also auf und hielt ihre Hand, einfach so, hielt sie. Es war eine rauhe, aber außerordentlich geschmeidige Hand. WIr sahen einander an, und sie wollte zu mir ins Zimmer kommen. Ich sagte: 'Schau mal, ich mache gerade meine Übungen, ich habe nur wenig Zeit, komm bitte ein anderes Mal wieder.' In gewisser Weise sprach ich mit ihr. Sie sah mich also an, und ich trat zurück. Sie blieb noch zwei oder drei Minuten und ging dann langsam weg. Es gab keine Furcht: sie hatte keine Angst, und ich hatte keine. Es muß Kommunikation zwischen uns gewesen sein, ein Gefühl von Freundschaft, wissen Sie, ohne jede Feindseligkeit, ohne jede Angst.

Die Welt hat aus dem Sex eine riesengroße Angelegenheit gemacht. Und überall auf der Welt haben ihn die Priester geleugnet. Sie werden niemals eine Frau ansehen, obwohl sie innerlich vor Lust brennen. Sie schließen die Augen. Und sie sagen, daß nur ein enthaltsam lebender Mensch als Vollkommener zu Gott kommen kann. Sehen Sie die Absurdität einer solchen Behauptung. Demnach ist jeder, der jenseits der vorgegebenen Normen Sex ausübt, für immer verdammt. Die ganze Idee von der Jungfrau Maria, die eine Farce ist. Warum also haben wir den Sex zu einer so phantastischen, romantischen und sentimentalen Angelegenheit gemacht? Ist es, weil wir intellektuell verkrüppelt sind? Wir sind Menschen aus zweiter Hand. Ich wiederhole, was Plato, Aristoteles, Buddha oder irgend jemand gesagt hat, daher ist mein Geist intellektuell gesehen drittklassig. Er ist niemals frei. So bin ich intellektuell betrachtet ein Sklave, und emotional werde ich romantisch, sentimental. Und die einzige Ausflucht ist Sex. Dabei bin ich frei. Wenn die Frau oder der Mann zustimmt, wenn sie zueinander passen, dann ist es die einzige Tür, durch die ich gehen kann und die es mir ermöglicht zu sagen: um Gottes willen, wenigstens hier bin ich frei. Im Büro werde ich schikaniert, in der Fabrik drehe ich nur die Räder. Also ist es meine einzige Zuflucht. Für den armen Bauern in Indien ist es das einzige, was sie haben und Religion wird als etwas anderes angesehen: 'Ich gebe zu, wir sollten keusch leben, wir sollten dies und das, aber laßt uns um Gottes willen bei unseren Vergnügungen, bei unserem Sex in Ruhe.' So sieht es also aus: Wir sind intellektuell, moralisch und spirituell verkrüppelte, degenerierte Menschen, und Sex ist das einzige, was uns etwas Befreiung, etwas Freiheit gibt.

'Sie sind Menschen aus zweiter Hand. Behaupten Sie bitte nicht, es nicht zu sein. Sie sind nachlässige, erbärmliche Secondhand-Menschen. Und Sie versuchen, etwas zu finden, das ursprünglich ist- Gott ist es, die Wirklichkeit ist ursprünglich. Sie ist durch keinen Priester dieser Welt gefärbt, sie ist ursprünglich. Darum müssen Sie einen ursprünglichen Geist haben, was einen freien Geist bedeutet. Nicht ursprünglich im Sinne des Malens neuer Bilder. Das ist alles Unsinn. Sondern einen freien Geist, der auf dem Gebiet des Wissens funktionieren kann. Wie können Sie einander nun helfen? Oder ist es nicht möglich einander zu helfen , frei zu sein?
Sehen Sie, ich habe mich nie mit etwas identifiziert. Ich habe keine Kirche, keinen Glauben, nichts. Jemand, der herauszufinden wünscht, ob es das Ewige, das Namenlose jenseits allen Denkens gibt, muß alles beiseitelegen, was auf Denken beruht: den Heiland, die Meister, die Gurus, das Wissen, all das. Gibt es Leute, die das tun? Wird irgend jemand diese Reise unternehmen? Oder werden Sie sagen: 'Erzählen Sie mir einfach alles darüber, alter Junge. Ich werde mich bequem hinsetzen und Sie erzählen es mir.'
Ich sage: 'Ich werde es nicht beschreiben. Ich werde Ihnen nichts darüber erzählen. Das in Worte zu kleiden, würde es zerstören. Lassen Sie uns also sehen, ob Sie nicht frei sein können. Wovor haben Sie Angst? Angst vor Autorität? Angst etwas falsch zu machen? Aber Ihre Art zu leben ist vollkommen falsch, auf diese Weise weiterzumachen ist restlos dumm, es ist sinnlos. Leugnen Sie jegliche Art spiritueller Autorität. Wovor haben Sie Angst? Spirituell den falschen Weg einzuschlagen? Die anderen haben unrecht, nicht Sie , denn Sie lernen nur. Die anderen haben sich in ihrer Unwahrhaftigkeit etabliert. Also warum folgen Sie ihnen? Warum akzeptieren Sie sie? Sie sind degeneriert.'

Kann der Geist vollkommen allein sein ? Nicht isoliert, nicht zurückgezogen, nicht mit einer um sich her errichteten Mauer, um dann zu sagen: ich bin allein. Sondern allein in dem Sinne des Alleinseins, das mit dem Ablegen all der Dinge des Denkens kommt. Denn das Denken ist so schlau, so listig. Es kann eine wunderbare Struktur bilden und sie dann Wirklichkeit nennen. Aber das Denken ist eine Antwort auf die Vergangenheit, also gehört es der Zeit an. Denken, das der Zeit angehört, kann nicht etwas schaffen, was zeitlos ist.

Das heißt, Religion ist nicht Idee, sondern ihr Verhalten im täglichen Leben. Ihre Gedanken, Ihre Sprache, Ihr Verhalten sind die eigentliche Essenz von Religion; ohne sie kann Religion nicht existieren. Sie können herumgehen und viele Worte abspulen, in verschiedene Zirkuszelte gehen, aber das ist keine Religion.

Nur eine Geist der heilig ist, kann dieses erkennen, dieses allerhöchste Heilige, das innerste Wesen all dessen, was heilig ist und Schönheit ist. Das ist es also...Wenn aber der Geist selbst heilig wird, dann öffnet er die Tür zu etwas, das unermeßlich heilig ist. Das ist Religion. Und das beeinflußt das tägliche Leben, die Art wie ich spreche, wie ich Menschen behandle, das Verhalten, das Benehmen, all das. Das ist religiöses Leben.
Wenn das nicht existiert, dann wird jeder andere Unfug, wie raffiniert auch immer, wie intelligent auch immer, existieren. Das ist die tiefgründigste religiöse Art zu leben. Sehen Sie etwas anderes findet statt. Wenn dies geschieht, weil Ihre Energie sich angesammelt hat - nein, nicht Ihre Energie -, weil Energie zugenommen hat, haben Sie andere Kräfte, außersinnliche Kräfte, Sie können Wunder vollbringen, Exorzismus, all diese Dinge, und heilen. Mir ist es so gegangen. Aber das ist alles vollkommen belanglos. Nicht, daß Sie keine Menschen lieben. Im Gegenteil, Religion ist die Essenz davon. Aber das sind alles zweitrangige Fragen, und Menschen werden von zweitrangigen Dingen gefangen genommen.

Ja, das ist richtig. Zu sagen: 'Ich weiß nicht' ist eine große Anerkennung der Freiheit von herkömmlichem Wissen, von herkömmlichen Traditionen, von herkömmlichen Methoden, von herkömmlichen Schulen und Praktiken. Ich beginne mit etwas, das ich nicht weiß. Für mich liegt darin große Schönheit. Dann kann ich mich frei bewegen. Ich bin frei, mich von der fließenden Untersuchung tragen zu lassen. Ich weiß also nicht. Von dort aus können wir beginnen.

 
letzte Änderung: Dezember 2001