Peter Schellenbaum

Die Wunde der Ungeliebten


Meine subjektive Zusammenfassung

Dieses Buch scheint sich, vor allem mit Menschen zu befassen, denen (vor allem frühe) seelische Verletzungen widerfuhren, die zum Zeitpunkt, da sie geschahen kaum, verarbeitet werden konnten und so als mehr oder weniger verkapselte Wunde eine Quelle für Lähmung, Depression und Leid durch das ganze Erwachsenenleben hindurch sein können. Dem ist nicht so. Schellenbaum löst die starre Trennung zwischen "Krankheit" und "Normalität" auf, indem er den Zusammenhang zwischen der individuellen Wunde der Ungeliebten und dem "Mangel an Geborgenheit in der Welt" - der dem Menschen eigenen existentiellen Erfahrung des Ungeliebtseins als verletzbares, unvollkommenes und vergängliches Geschöpf  herstellt. Das erweist sich als äußerst fruchtbar und belebend, da es das "bedeuernswerte Einzelschicksal" mit Kosmos und Evolution verbindet geradezu versöhnt und so neue Potentiale der Integration freilegt.


IIn diesem Zusammenhang kritisiert Schellenbaum die klassische Tiefenpsychologie 
und erweitert sie zu einer "Psychoenergetik" die, statt von einem "gesetzten" starren, von einem "Ich" der radikalen Bewegung ausgeht, sowie den Körper, das Mitfühlen des Therapeuten und die existentielle Dimension in die Arbeit mit den "Verwundeten der Zivilisation" integriert und dadurch neue Impulse ermöglicht. Dabei geht es nicht wie oft in der "klassischen Therapie" um die Erhöhung der "Frustrationstoleranz", sondern darum, "den inneren Unberührbaren und Ausgesonderten zu berühren, Kontakt mit ihm aufzunehmen und den vor Welt und Lebensfreude überbordenden Krishna aus ihm zu befreien", also den hinter Druck versteckten Drang zu erkennen und so dem Lebensfluss in seiner reinsten Form als Liebe, zur Entfaltung zu verhelfen: "Liebe bewegt alles: sowohl vor- als auch rückwärts." Schellenbaum lädt ein zur Kreuzigung seiner selbst, zum Einswerden mit dem Ungeliebtsein "ohne den geringsten Beobachtungsabstand". Was für eine Befreiung!
Dieses Buch ist eine Offenbarung - vor allem dann
, wenn es ein Echo zugehöriger innerer Prozesse ist. Als ich es zum ersten mal las, fühlte ich mich durch den Titel und einige Sentenzen angesprochen, fand es insgesamt zwar anregend und logisch aber schwer verdaulich und wenig wirksam - letztlich viele schöne Worte um nichts. Als ich es einige Jahre später zur Aufarbeitung einer in die Sackgasse gelaufenen, tiefenpsychologischen Arbeit zum zweiten mal las, wurden die Worte plötzlich lebendig und gewannen plastische Tiefe, wurden zu Worten um NICHTS. Vieles war plötzlich so klar, so tief, so offensichtlich weil so erfahrbar. Ein Prozess der anhält.

Die Wunde der Ungeliebten

Ich weiß nicht, ob ich übertreibe aber dieses Buch spricht für mich von der Grenze des "Überaffen" zum Menschsein. So wie Einstein Raum und Zeit (und wohl auch Energie!) relativierte, ihre Existenz als nur relative, also bezogene und duale erkannte oder Marx den gesellschaftlichen Charakter der Arbeit entdeckte, vermittelt dieses Buch das "Ich" (und auch die oft esoterisch verbrämte "Lebensenergie") als wesentlich nur im Bezug zum Du und zur Welt konstituiert und nur in diesem Bezug wirklich- "Ich ist zwischen". Ohne Beziehung gibt es kein Ich oder andersherum "Ich" ist nur ein Ausschnitt ein Moment des "lebendigen universalen Fließsubjektes" dessen Erscheinung und Erfahrung in Berührung mit Welt und Du immer wieder neu entsteht und vergeht! Das verabsolutiert-statische Alltags-Ich, der Fetisch des heute die Erde bevölkernden Überaffen ist dann nichts anderes als der gefroren erstarrte Abdruck vergangener Beziehungen und in diesem Sinne unwirklich. Es verwundert nicht, dass das Buch hier nahtlos in die Mystik mündet. Ein Bezug den Schellenbaum insbesondere zu Zen und Buddhismnus auch ausdrücklich herstellt. Spätestens da enden die Worte, denn Mystik ist nur erfahr- nicht wiss- oder verstehbar. Und so wird zu Recht betont:  "Wissen allein heilt nicht. Doch ist es notwen­dig, weil es das Leiden bewußter macht und die Krise suchen läßt, die schließlich von ihr befreien will."

Ein Hinweis, der im Angesicht der in der Ich-Verhaftung wurzelnden, zunehmenden Spannungen und Krisen in der Welt, auch auf die Verletzung der menschlichen Gesellschaft als Ganzes bezogen, Relevanz hat.


Einige Kostproben...


4 Psychoenergetik
5 Liebe zu Ausgestoßenen
6 Verzicht auf zu späte Elternliebe
7 Die offene Wunde der Depression
8 Identität in der Sehnsucht
9 Druck und Drang
10 Das Fleisch wird Wort: Körpergeistigkeit
11 Die traumatische und die erotische Spur
12 Teilnahme am Leiden des ungeliebten Kindes
13 Mentalmassage oder: die schnurrende Katze
14 Liebe ist anormal
15 Wesentliche Einsamkeit
16 Energetik der Liebe: Die Befreiung vom Ichbewußtsein


4 Psychoenergetik

Psychoenergetik ist der tiefenpsychologische Zugang zur Ener­gieerfahrung als einer Grunderfahrung des Daseins, die Lebens­hemmungen auflöst und die Voraussetzung für seelisches Wachstum schafft. Sie ordnet die inhaltliche Analyse der Kindheitserinnerun­gen, der aktuellen Lebenssituation und des sich in Symbolen aus­sprechenden Zukunftspotentials eines Menschen einem gemeinsa­men Kriterium unter, nämlich, ob Leben bewegt oder verhindert wird. Sie fördert das Gespür für die stärkste Emotion, der zu folgen es in einem gegebenen Moment ankommt, und für den körperlichen Ausdruck der Psyche. Sie setzt Liebe frei, das heißt die in Gebärden der Hingabe empfundene und tätige Beziehung zum Du, zur Welt und zum Selbst.
(S. 40)

Energie ist das, was im Tun, im Vollzug, im Werk erfahren wird. Davon leitet sich das altgriechische Wort »energeia« her, das wört­lich »im Werk« bedeutet. Das Substantiv »ergon« ist mit unserem »Werk« sprachverwandt. Energeia ist eine sprachliche Neubildung des griechischen Philosophen Aristoteles. Sie bedeutet das, was »werkt« und »wirkt«. Wirklichkeit ist also auch von ihrem ethymo­logischen Ursprung her Energie, Vollzug einer Bewegung, im Gegensatz zur »dynamis« : dem Wort, das Aristoteles aufnahm, um die noch ruhende Potentialität zu bezeichnen.
Obschon Lebensenergie sich in ihren Wirkungen beschreiben läßt, kann sie selber, abgesehen von diesen, nicht definiert werden, ist sie doch nirgends als »im Werk«, im Tun, im Seins- und Lebensvollzug. Trotzdem wurde immer wieder versucht, sie zu definieren. Es fällt dem menschlichen Geist schwer, eine unbe­schränkt bewegliche Erfahrung nicht einzugrenzen.
(S. 41)

Das Experiment Michelsons und die Theorien Einsteins haben schließlich zum Verzicht auf die Annahme einer geheimnisvollen »Energiesub­stanz«, eben des Äthers, geführt. Mir scheint, daß sich die Verge­genständlichung der Lebensenergie dadurch erübrigt, daß wir die Menschheit und über sie hinaus das Universum als Ganzheit sehen, gleichsam als großen Organismus, in dem alle Prozesse in einer inneren Verbindung und Zuordnung zueinander stehen. Anstelle einer mysteriösen, universalen, frei beweglichen Substanz tritt die natürliche Bezogenheit aller Prozesse.
(S.42)

Es ist interessant, wie in der neuen Debatte um das Wesen der Lebensenergie die alten Extrempositionen der christlichen Theolo­gie über das Verhältnis von Natur und Gnade im neuen Gewande wieder zum Zuge kommen. Der »Gnadenfluß« ist nichts Zu­sätzliches zur Natur, nichts Über-natürliches, sondern die Verle­bendigung des Menschen infolge der Öffnung für äußere Impulse und Energieanstöße.
...

Lebensenergie, die wir nur anzuzapfen brauchen, entspricht dem
uralten Traum des Kindes von der nährenden Allmutter, vom Land, wo Milch und Honig fließen. Der Traum selber ist wichtig und fruchtbar, denn er belebt unser Fühlen, Denken und Tun. Doch die Materialisierung des Traumes in der Vorstellung eines überall gegenwärtigen Lebenselixiers, das wir nur entdecken müs­sen, um geheilt und erlöst zu werden, ist Magie. Auch die Zeit der Romantik kannte diese Versuchung. Magie verhindert das, was der Traum will, nämlich die Belebung des Entwicklungstriebs. Wir dürfen ob dem neuen Empfinden das Denken nicht vergessen, sonst denken wir gegen uns.
Der Begriff Lebensenergie hat eine systemsprengende Kraft, da er sich mit keinem Teilprozeß im Menschen, mit keiner bestimmten Triebkraft, etwa der Sexualität oder Aggression identifizieren läßt. Das einzige Kriterium für die Aktivierung der Lebensenergie ist, daß etwas »wirkt« und funktioniert (engl.: it works), was immer dieses »etwas« ist. Eine Psychotherapie, die letztlich nur darauf hinzielt, daß im Klienten Leben lebendig wird, stellt permanent Konventionen und Denkschablonen in Frage. Das wachsende Ge­fühl für das, was in uns »am Werk« ist, gibt eine Freiheit, die kein noch so vollständiges psychologisches System, keine tiefenpsycho­logische Schule geben kann. — Im Tiefsten ist Energieerfahrung Mystik. Diese sprengt eingefrorene, systemgewordene Vorstellun­gen durch die Erfahrung von Bewegungen und Wirkungen, die über diese hinausgehen. Der »wirkliche Mensch«, wie Meister Eckehart ihn nennt, lebt aus einer Mystik, in der sich die Auffassungen vom Leben durch das Leben selber in jedem Augenblick aufheben:
(S. 43)

Der Weg hinaus aus ungünstigen, gar zerstörerischen Situatio­nen führt im therapeutischen Erleben durch sie hindurch (Perls). Nur so kann der Umschlagpunkt der »magnetischen« oder energe­tischen »Crise« erreicht werden. Das energetische Prinzip ent­spricht einem tiefen, umfassenden Realitätssinn. Der Mensch sucht nicht nur Lust unter Vermeidung des Leids, auch wenn es oft so scheint. Er sucht die Erfüllung seines Menschseins auch durch Aggression, Trauer und Schmerz. Auch »negative« Emotionen sind Leben und Ausdruck unseres Lebenstriebes. Ein Mensch zum Beispiel, der sich aggressiv von einem anderen absetzt, schafft dadurch vielleicht die Voraussetzung für neues Leben in einem neuen Bezugssystem. Und ist der Tod des Individuums nicht ein Hineinsterben in das Leben der anderen, das weitergeht, ein Hin­weis auf die Relativität dessen, was wir Ich nennen?
(S. 47/48)

Freud schrieb an Pfister, das »ozeanische Gefühl«, von dem Ro­main Roland spreche, nämlich das Gefühl der Einheit aller Dinge sei ihm nicht bekannt und gehöre wohl in die Pathologie. Wir sehen: der Psychoanalyse ging etwas verloren, nämlich das energe­tische Empfinden und Vorgehen. Die Strukturierungsbemühungen der tiefenpsychologischen Schulen schränkten die schöpferische Freiheit ein. Diese bleibt nur einer Psychotherapie erhalten, die bei aller Aufmerksamkeit für Kindheitserinnerungen und Entwick­lungsbilder ihr Hauptaugenmerk auf die emotionale Beziehung richtet.
(S. 48)

In der Philosophie hat Friedrich Nietzsche die Wende zum Leib und zu einem energetischen Wahrheitsbegriff vollzogen. Für ihn ist der Leib »Mittel der Erkenntnis«. Der Magnetismus und mit ihm die Psychoenergetik fördern die »Abstiegskur« zum Leib. »In jedem Fall geht es darum, eine unwirkliche Vollkommenheit einzu­tauschen gegen eine Unvollkommenheit, die den Vorzug hat, wirk­lich zu sein.«14 Neben der Traum- und Übertragungsanalyse brau­chen wir die Körperanalyse. Daß der Leib als »Mittel der Erkennt­nis« bisher bei Tiefenpsychologen so wenig Gehör findet, hat einen einfachen Grund: die wenigsten haben nebst ihrer Lehranalyse auch einen Lehrgang in der körperlichen Bewußtwerdung mitgemacht. Ich kenne keinen Analytiker, der seine Arbeitsweise nicht erweitert hätte, nachdem er selber die »Abstiegskur« zum Leib gemacht hat.
(S.48/49)


Es kommt weniger auf den Inhalt der Deutungen als auf die Energie an, die sich vom Therapeuten auf den Klienten überträgt. Letzteres geschieht vor allem dank der unvoreingenom­menen, warmen Aufmerksamkeit des Therapeuten für seinen Klienten. Natürlich schafft seine »frei schwebende Aufmerksam­keit« (Freud) auch eher die Voraussetzung für eine passendere Deutung. Und doch: schon einige Male mußte ich mir eingestehen, daß etwas gewirkt hat, was gar nicht hätte wirken dürfen, weil es falsch war. Es wirkte, und der Klient fand später selber heraus, daß es falsch war, weil er den Energieanstoß, den er in der lebendigen Beziehung mit mir bekam, zu nutzen wußte. Auf diesen kommt es im wesentlichen an. Die Psychoenergetik ist die Leitschnur der Psychotherapie, die es durch alle Deutungsarbeit zu verfolgen gilt. Sie führt keineswegs zu einem Unernst im Analytischen. Sie fördert im Gegenteil die Intuition und folglich auch die Wahr­scheinlichkeit richtiger Einsichten.

(S 49/50)

Ist mit dem psychoenergetischen Vorgehen nicht ähnlich wie bei der Hypnose die Gefahr verbunden, suggestiv zu wirken und deshalb nur kurzfristige Heilung zu erzielen? Dieses Risiko war doch der Grund, warum Freud sich von der Hypnose ab- und der Übertragungsanalyse zugewandt hatte. — Meine Antwort dar­auf lautet: Ist ein Therapeut auf seine eigene Suggestivkraft fi­xiert, mangelt es ihm an offener Aufmerksamkeit für den anderen Menschen. Wenn er jedoch auf diesen bezogen ist, geht er in seinem Einfluß nie über den erwähnten Energieanstoß hinaus. Ich bin oft recht kühl und zurückhaltend, wenn ich merke, daß ein Klient seelisch auf meine Kosten existiert, obschon er sehr wohl auf seine eigenen leben könnte. Wenn er mit mir beide Erfahrungen macht: die des Anstoßes und die der Versagung, lernt er im Zwischenfeld ein selbständiger Mensch zu werden, der immer weniger auf die Impulse einer Zweitperson angewiesen ist.
Dieses Vorgehen ist so alt wie die Psychoanalyse, doch richtig
spontan und natürlich wird es nur, wenn der Therapeut, abgesehen von allen besprochenen Fragen, zunächst auf das Energetische in den Äußerungen eines Klienten achtet: zum Beispiel ob dieser ihm gleichsam an den Lippen hängt und alles, was aus seinem Munde kommt, sofort gierig in sich hineinsaugt, oder ob er im Gegenteil die Anstöße abprallen läßt, oder ob er in sich zusammenfällt und seelisch kollabiert, wenn sein Gegenüber schweigt, oder ob er im günstigen Falle durch seine Haltung zu erkennen gibt, daß er nicht mehr als eben Anstöße wünscht, und auch diese immer weniger. Nimmt der Therapeut solche Signale wahr, wird er ohne weitere Überlegung entweder durch Zurückhaltung oder Zuwendung rea­gieren. Psychoenergetik schließt folglich Suggestion aus, soweit diese überhaupt ausgeschlossen werden kann.
...
Am Ausgangspunkt der Psychoanalyse stellte Freud fest, daß Hypnose keine dauerhafte Heilung erziele, und gegen Ende seines
Lebens gestand er, daß bloße Analyse nicht heile. Es gilt, von beiden das Heilende zu übernehmen und das Nicht-Heilende weg­zulassen. Von Hypnose und Suggestion können wir die körperliche Präsenz und Verbundenheit des Therapeuten übernehmen, müssen aber den Willensverlust und die Abhängigkeit beim Klienten ableh­nen, weil Heilungserfolge, die auf diesen beruhen, von kurzer Dauer sind. — Von der Analyse behalten wir den bewußten Umgang mit Erinnerungen und Entwicklungsmustern und deren Übertra­gung auf den Analytiker, müssen jedoch den Mangel an »Mitfüh­lung« und Körperanalyse ablehnen.
(S. 51/52)


5 Liebe zu Ausgestoßenen

Im zweiten Teil geht es nun darum, die seelische Verletzung, an der Ungeliebte leiden, geistig zu erfassen. Das Verstehen wird uns an eine Grenze führen: Wissen allein heilt nicht. Doch ist es notwen­dig, weil es das Leiden bewußter macht und die Krise suchen läßt, die schließlich von ihr befreien will.
...

Ungeliebte haben ein zwiespältiges Verhältnis zu den Ausgesto­ßenen der Gesellschaft, weil sie selber Ausgestoßene sind: Es schaudert sie vor ihnen, und doch lieben sie sie insgeheim. Diese Liebe bewußter zu machen und in der Klärung zu verstärken, ist das Ziel in diesem Kapitel. Die Liebe zu den Ausgestoßenen ist die Bedingung zur Selbstliebe, an der es den Ungeliebten mangelt.
(S. 57)

Ich kenne Erwachsene, die immer wieder von Wut und Bitterkeit überwältigt werden, wenn sie einmal mehr wie in der Kindheit vergeblich die Festung ihres eingemauerten Vaters oder ihrer abweisenden Mutter zu stürmen versucht haben. Längst wissen sie zwar, daß ihnen die früh versagte Liebe für immer verloren ist. Trotzdem kämpfen sie weiter darum. Manchmal sitzt ein Klient zu Beginn einer Sitzung wie ein ungeliebtes Kind vor mir, als wollte er mir sagen: »Mach du den ersten Schritt! Ich mußte immer den ersten Schritt tun und habe damit nichts erreicht.«

Schauen wir uns die Manöver der groß gewordenen ungeliebten Kinder näher an, dann stellen wir etwas Erstaunliches fest: Sie selber tun ihr Möglichstes, um abgewiesen zu werden.
...

»Was willst du eigentlich?« bin ich versucht, einen solchen Menschen zu fragen, und manchmal tue ich es auch. Unbewußt wünscht er sich das, was Heldenkindern einfach widerfährt, nämlich verstoßen zu wer­den, oder eigentlich, sich selber freizustoßen. Und schauen wir uns die Mythen, die von den ausgesetzten Kindern handeln, jetzt näher an, verstehen wir auch warum. Die Verbannung bringt nicht nur Risiko und Gefahr, sondern auch neue Lebensimpulse.

(S. 62)


Wenn die seelische Wunde nicht zu tief ist, findet das ungeliebte Kind im Spiel die Freiheit zu eigenem Leben. Mit tief verwundeten Menschen, die nicht spielen konnten, ist es wichtig, in der Therapie zunächst kleine, dann immer größere Freiräume für Spiele zu erschließen. Ich greife zum Beispiel ein Wort des Klienten auf, spiele mit ihm und werfe es zurück, ohne Sinn und Ziel. Wenn er dann merkt, daß das Sinnlose Freude macht, wird es sinnvoll, sich auch mit den Problemen zu beschäftigen, deretwegen er in der Therapie ist. Die toten Vorstellungen von Besserung sind im Spiel durchbrochen worden. — In meiner Praxis hängt eine Holzskulptur des Flöte spielenden Krishna, um mich daran zu erinnern, daß Therapie ein Spiel ist.

Die Verbundenheit mit der Welt, so schrieb ich, aktiviert die eigene Lebensenergie. Krishna aß Lehm, wie um sich die Erde einzuverleiben, und als er dann den Mund öffnete, erschien darin die Fülle der ganzen Schöpfung. Der aus der etablierten Gesell­schaft Ausgemusterte und von den »gemusterten« Menschen Unge­liebte findet, wenn er den gefahrvollen Weg des Exils durch das Wasser überstanden hat, die Verbindung mit der Welt und den Zugang zur Lebendigkeit.

(S. 64)

Der Mythos des Heldenkindes schlägt den umgekehrten Weg wie der Erziehungs- und Schelmenroman ein. Während der erste den Menschen zu Freiheit und Selbstbestimmung entläßt, setzt sich der zweite zum Ziel, das ungezähmte Kind, den wilden »Krishna«, in die Normen der bürgerlichen Gesellschaft einzuzwängen und durch mancherlei Tricks und Appelle an die Elternliebe zur »frei­willigen« Anpassung zu bewegen. Pinocchio ist ein typisches Bei­spiel dafür. Er entwickelt sich nicht wie das Heldenkind von der Anpassung zur Freiheit, sondern von der Freiheit zur Anpassung. Doch warum ist uns Pinocchio so sympathisch? Etwa wegen seiner gelungenen Anpassungsleistung? Ist diese erreicht, hört die Ge­schichte auf. Pinocchio ist nicht mehr interessant, nichts Eigenes und Besonderes mehr, ohne Lust und Pfiff. — Sicher: zur Entwick­lung eines Menschen gehört auch die Einübung in Norm und Brauch. Erfolgt diese nicht, treten ähnliche Verlassenheitssym­ptome wie bei dem auf, der sich zu sehr anpaßt und im Eigenen zu wenig liebt. Und doch ist Überanpassung nach wie vor ein viel verbreiteteres Problem als das Ausscheren aus Bindung und Verant­wortung. Die Geschichte der meisten Ungeliebten ist eine Ge­schichte der Überanpassung. Für sie geht es darum, eine neue Einstellung zu den Ausgestoßenen, den Parias, den Unberührbaren zu bekommen.

Den inneren Unberührbaren und Ausgesonderten zu berühren, Kontakt mit ihm aufzunehmen und den vor Welt und Lebensfreude überbordenden Krishna aus ihm zu befreien, dahin strebt die unbewußte Sehnsucht der aus Mangel an Liebe überangepaßten Menschen. Was heißt das? Der Paria ist zwar ausgestoßen, aber auch frei von den Pflichten derer, die ihn ausstoßen. Er hat Zugang zu einer Welt, die den Wohlstrukturierten und Versicherten ver­schlossen ist, zur Welt der unkanalisierten Lebensenergie und der halbdunklen, zwielichtigen Phantasien. Die Leidenschaft für den Paria drängt jeden Ungeliebten in die Freiheit. Könnte es nicht sein, daß er selber mitgewirkt und seine Eltern konditioniert hat, um ein Paria zu werden, nämlich einer, der von den Strukturierten nicht allzu geliebt wird und dank dieser Tatsache über mehr eigenen Freiraum verfügt?

(S. 65)

Ich spreche nicht soziologisch, sondern psychologisch, nämlich vom Ausgestoßenen als innerer Figur für unsere Befreiungsdynamik und den Mut, die, welche uns nicht lieben, in Ruhe zu lassen und uns statt dessen dem Ungelieb­ten in uns selber mit Liebe zuzuwenden. Dieser, weil ungebunden, ist Instinkt und Erde näher als das brave Kind. Was wäre Tom Sawyer ohne Huckleberry Finn?
Durch diese Liebe kann aus ihm, dem bedauernswerten Aus­gestoßenen und Opfer mangelnder Liebe in der Kindheit, nach und nach der »höhere Ausgestoßene«, wie Alan Watts ihn nennt, nämlich der Unparteiische, der sich an niemandes Seite schlägt, werden.2 Seit früher Kindheit weiß er, daß Liebe und Partei­nahme sich ausschließen. Das Schicksal des Opfers wandelte sich so in Berufung. Alle auf einen unverwechselbar eigenen Weg Genötigten waren Ausgestoßene wie Jesus, oder Heimatlose wie Buddha.
Im Christentum, wo Berufung in Gegnerschaft zur Welt gesehen wird, nimmt sie notwendigerweise ein tragisches Ende:
die Struk­turierten sind zahlreicher. So läßt Jesaia den »Leidensknecht« Worte sagen, die Jesus auf sich hin deutet: »Ein Wurm bin ich, kein Mensch, der Menschen Spott, vom Volk verhöhnt.« Im Buddhis­mus dagegen heißt Berufung Freiheit von Abhängigkeit, also auch von Menschen, die uns lieben oder nicht lieben. Jenseits von Parteinahme und Angewiesensein kann eine Liebe wachsen, die uns und andere frei macht.
(S. 66)



6 Verzicht auf zu späte Elternliebe

Elternliebe kann nicht erzwungen werden. Hat sie gefehlt, bemüht sich die Tochter oder der Sohn manchmal ein Leben lang, sie zu gewinnen, nicht nur von den leiblichen Eltern, die vielleicht längst tot sind, sondern von allen Bezugspersonen. So bleibt er (oder sie) abhängiges Kind und verhindert seine Entwicklung. Die Wunde der Ungeliebten kann nicht heilen. ... Nur der Verzicht auf zu späte Elternliebe löst den Bann.

Das Wort »Verzicht« kann zur falschen Annahme führen, daß dieser notwendige Prozeß mit einem bloßen Willensakt zu bewälti­gen ist. Doch dem ist nicht so. Alle Ungeliebten wissen, daß bloße Absichtserklärungen in diesem Bereich nichts nützen und eine Therapie der guten Ratschläge nur noch mutloser macht. Eine Bewußtseinspsychologie, die nur an den gesunden Menschenver­stand appelliert, richtet hier nichts aus. Der Verzicht, von dem ich spreche, entspringt der Einsicht von bisher unbewußten Zusam­menhängen.
(S. 68)

die Heilung der seelischen Verwundung geschieht schließlich durch den Zugang zu einer tiefen Ebene, auf der alle Menschen gleich sind. Das Übel mangelnder Elternliebe kann nicht beseitigt, wohl aber an die Erfahrung eines existentiellen Mangels, der mit dem Menschsein gegeben ist, angeschlossen werden. Ich meine den Mangel an Geborgenheit in der Welt. Mehr Heilung gibt es nicht.
(S. 69)

Im Gespräch über den Traum versuche ich, das Bewußtsein des Energiemusters nicht zu verlieren, um das Verwirrspiel des Traumes nicht weiterzutreiben. Energiemuster bilden eine wichtige Orientierungshilfe für die Traumdeutung. Sie zeigen, worauf es letztlich ankommt. Das Bewußtsein des Energiemusters verhindert, daß sich das analytische Gespräch in der Traumsymbolik verirrt, bis man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht.
(S. 71)

Wer so tiefen Einblick in seine Verstrickungen mit den Eltern hat, ist nicht mehr versucht, in diesen die alleinige Ursache der eigenen Schwierigkeiten zu sehen. Er spürt, daß Ursache und Wirkung bloß »konventionelle Fiktionen zum Zweck der Bezeich­nung und der Verständigung, nicht der Erklärung«3 sind. In allen Beziehungen gibt es eine Mittäterschaft, sogar in den Beziehungen der Kinder zu ihren Eltern. Unter Mittäterschaft verstehe ich hier nicht Mitverantwortung, sondern Mitbeteiligung. Wer diese Ein­sicht zuläßt, fühlt sich im Jetzt zu Aktivität und Eigenverantwor­tung angestachelt. Aus der » Widerfahrnis« wird dann eine Erfah­rung, aus dem Ausgestoßensein ein Sichfreistoßen. Sich nicht als Erleidender, sondern als Tuender zu erfahren, ist Zeichen von Lebendigkeit.
(S. 74)

Nicht nur der früh Verwundete muß den Verzicht auf Elternliebe leisten. Dieser ergibt sich aus dem Drang jedes Menschen nach Entwicklung und Autonomie. Das soll zum Schluß angedeutet werden. Es ist notwendig, »die in den familiären Banden gebundene Libido aus dem engen Kreis in die Weite« zu bringen', schrieb Jung in seinem Werk >Symbole der Wandlung. Das Opfer der Eltern­liebe ist Hingabe an das Leben. Viele haben das Gefühl, nicht geliebt zu werden, weil sie es nicht fertigbringen, selber zu lieben.
Würden sie aufhören, an der Wunde der Ungeliebten herumzukrat­zen, könnte diese eher heilen. Doch solange ein Mensch seine Hände nicht für andere öffnet, ist er embryonal in sich verkrümmt, ein »homo in se incorvatus« : Luthers unerlöster Mensch. — Der Verzicht auf das Bild der uns umfassenden Mutter führt zur Schöp­fung der Welt', fügt Jung sinngemäß hinzu, zur Schöpfung nämlich des eigenen Lebens in der Verbindung zur Welt. Die Mutterhöhle selber preßt den Fötus des Lichtscheuen ans Licht. Ist diese Unliebe nicht größere Liebe? jammern wir nicht gerne über Dinge, die uns not tun?
(S. 76)

7 Die offene Wunde der Depression

Offensicht­lichste Zuwendung und Liebe sind ihm zu wenig. Alle Beweise von Solidarität, Treue, Zuverlässigkeit, Hingabe werden unbewußt am eigenen, uneingelösten Anspruch an den Vater oder die Mutter gemessen — und verworfen. So kommt er zum irrigen Gefühl, den anderen verloren zu haben, selbst wenn dieser ihm ganz nahe ist. Ich kenne keinen depressiven Menschen, bei dem nicht frühe Erfahrungen mit fehlender oder fehlgeleiteter Liebe und in der Folge die Unfähigkeit zum Verzicht auf das Versagte am Ursprung seines Leidens waren.
(S. 78)

Weil der depressive Mensch mit dem verlorenen »Liebesobjekt« verschmolzen ist, wird er identisch mit dessen Verlust und büßt seine eigene Liebesfähigkeit ein. Seine Beziehung ist zum Nichts geworden; so fühlt er sich selber als Nichts. Die Abkehr des anderen, sei sie real oder phantasiert, macht er zur Abkehr von sich selbst. Die Leere, welche die Beziehungslücke hinterläßt, wird zur eigenen Leere. Er tut das, was in seiner Empfindung das verlorene »Liebesobjekt« mit ihm gemacht hat: er verläßt sich selber, hebt seine Existenz auf, bestätigt durch sein Leben die Tatsache, daß der andere ihn verlassen hat.

Im Gegensatz zu Freud meine ich nicht, daß die Selbstvorwürfe und Selbstmordneigung des depressiven Menschen ausschließlich eine Umkehrung der Aggression, die eigentlich an das verlorene »Liebesobjekt« gerichtet ist, bedeuten. Ich sehe den wichtigsten Grund für den selbstzerstörerischen Impuls tiefer: die Verschmel­zung mit dem anderen ist so total, daß sie auch die Abkehr des anderen mit einbezieht. Diese ist also identisch mit der Abkehr von sich selbst. Die unbewußte Logik der Depression ist der letzte Akt in der Verschmelzungsliebe: »Du hast mich verlassen, wie recht du hast! Auch ich verlasse mich und bin auch darin mit dir verbunden. Weiter kann Liebe nicht gehen. Ich behalte dich für immer, indem ich mich verliere. Je weiter du weggehst, desto näher bin ich dir, weil ich mit dir gehe, weg von mir selbst.« — Die wichtigste Ursache der Depression ist also fehlgeleitete Liebe. Liebe bewegt alles: sowohl vor- als auch rückwärts.

(S. 80)

Wenden wir uns jetzt der Dynamik des depressiven Selbstver­lustes aus der Sicht der Psychoenergetik zu. Statt sich wie von außen »ziehen«, an-ziehen, ins eigene Leben hineinziehen zu las­sen und dabei Energie freizusetzen, läßt sich der depressive Mensch wie von außen »drücken« und fühlt sich in der Folge »bedrückt« und »heruntergedrückt«, was ja auch die Wortbedeu­tung von Depression ist. So bindet er Energie. Er fühlt nur For­derung und keinen Eigenantrieb, nur Schuldgefühle und keine Verantwortung. Gegen den vermeintlichen äußeren Druck gibt er Gegendruck und läßt sich nicht gehen und fallen. Wenn er fällt, dann ist es unfreiwillig.

(S. 80)

Im kurzen Traum ... kommt ein klares Energiemuster zum Ausdruck. Wer seinen Energiemustern Beachtung schenkt, wird ihnen auf Schritt und Tritt begegnen. Die Bewußtwerdung, die dabei geschieht, ist keine Deutung, sondern bloße Spiegelung dessen, was ich tue. In den Lehrreden Buddhas wird sie wieder­holt geschildert, etwa so: »Ein gehender. Mönch erkennt: >Ich gehe<; ein stehender erkennt: >Ich stehe<; ein sitzender erkennt: >Ich habe mich gesetzt<« und so weiter. Wir richten das spiegelnde Bewußtsein auf die einzelnen Schritte im Ablauf eines Energiemusters. Weil wir dabei willentlich nichts ändern wollen, ändert sich das zu Ändernde nach und nach von alleine. ...

Jede Phase im Ablauf eines psychischen Bewegungsmusters gilt es, sich ohne Nachdenken, durch bloße Wahrnehmung der Ener­giebewegungen, bewußt zu machen. Wichtig dabei ist die volle, ungeteilte Aufmerksamkeit, damit keine Energie für Selbstvor­würfe übrig bleibt. Treten diese trotzdem auf, sprechen wir es in der gleichen Weise aus: »Ich mache mir Selbstvorwürfe.« — Diese Übung hat vor allem in kritischen Phasen auf die Dauer erstaunliche Auswirkungen. Sie fördert den Bewußtseinsfluß und steigert die anhaltende Aufmerksamkeit. Sie wird im Zen gelehrt.

(S. 81/82)

Ein geläufiges Wort sagt, daß Liebe schön macht. Das stimmt. Ebenso stimmt es, daß wir jemanden, den wir lieben, schön finden. Augustinus bezeichnete die Schönheit als Glanz der Wahrheit. Glanz ist Strahlung, Ausstrahlung, Lebensenergie, Liebe. Und Wahrheit ist jedes Wort, jeder Blick, jede Gebärde, die unverfälscht aus uns wirken. Also ist Schönheit als Glanz der Wahrheit eine Wirkung der Liebe und Liebe, die wirkt. — In der Tat: Ein Mensch, der liebt, verbreitet solchen Glanz, daß es abwegig wäre, seine Schönheit, die offen zutage tritt, aufgrund ästhetischer Kriterien in Frage zu stellen. — »Schönheiten« aus Katalogen sind einsam, ohne Glanz und Wahrheit. — Die Sehnsucht der Träumerin nach Schön­heit meint also ihre Sehnsucht nach Liebe.
(S. 85/86)

Der Sinn einer Depression liegt in der Lösung von alten, hem­menden Lebensentwürfen. Wenn der Drang nach Wandlung laut wird, und gleichzeitig alte Lasten lähmen, können wir depressiv werden. Depression will Neuschöpfung. Trifft es nicht zu, daß gerade kreative Menschen von depressiven Phasen in ihrem Leben berichten, von Zeiten, in denen die Lebensenergie stockt und sie sich antriebsarm, gequält, voll müder Unruhe und Schuld fühlen? Auf einmal dann, zunächst fast unmerklich, drängt der innere Strom mit neuen Worten, Bildern und Gebärden wieder ins Leben. Schaffenskraft bedeutet nicht Arbeitseifer, sondern Schöpfung, die zur Arbeit nötigt. — Ist nicht jeder Mensch schöpferisch in seinem Wachstum? Ist er nicht viele Male zum Tode verurteilt, zur Zerstö­rung nämlich von Abhängigkeiten, die gestern noch von süßer Dauer schienen? Aus Paradiesen, die keine mehr sind, treibt der Mensch sich selber aus.
(S. 87)



8 Identität in der Sehnsucht

Teilen sich die Menschen in Geliebte und Ungeliebte auf: in die einen, die in der Kindheit ausreichende Liebe bekamen, und in die anderen, denen diese fehlte? Allein die Frage läßt den Kopf schüt­teln. Doch will ich weiter fragen: Ist es bloß die Tatsache, daß die Skala vom best- bis zum schlechtestmöglichen Ausmaß an Liebe, die Kinder bekommen, gleitend ist, welche meine erste Fragestel­lung so absurd macht? Sind die in diesem Buche angesprochenen Probleme zur Empfindung, nicht geliebt zu werden, nur für solche Leute interessant, die tatsächlich wenig geliebt wurden und wer­den? Könnte es nicht sein, daß das Interesse nicht nur einem persönlichen Problem, sondern darüber hinaus einem Problem des Menschseins überhaupt, abgesehen von biographischen Daten, gilt, daß also in einem existentiellen Sinne alle Menschen an der Wunde der Ungeliebten leiden?
(S. 88)

Liebe ist Spannung zueinander drängender Gefühle in zwei Menschen. Selbst wenn Liebende ruhen, zittert feine Spannung zwischen ihnen. Im Aufbruch einer Liebesbegegnung zeigt sich die Spannung in Drängen und Stoßen, Saugen und Ziehen: in der Liebe greift Sehnsucht nach vorne ins Noch-Nicht. Gleichzeitig weist Liebe nach hinten ins Nicht-Mehr — ist Sehnsucht, die zurück­blickt. Ein einziger Augenblick der Liebe dehnt sich in fernste Vergangenheit und Zukunft aus. Je aufmerksamer wir mit ihm gehen, desto weiter rücken seine Horizonte. Daher sind Momente der Liebe immer auch Momente der Sehnsucht, nie sind unsere Flügel zwischen Vergangenheit und Zukunft weiter gespannt als jetzt.

Bei vielen ist Sehnsucht in Mißkredit geraten, weil sie nur ihre Gefahren sehen. Ein so umfassendes Empfinden kann in der Tat nicht gefahrlos sein: Blickt Sehnsucht mehr zurück als nach vorne, führt sie zu einer traurig schönen Lähmung, wie sie sich in Zeiten der Dekadenz, etwa des Hellenismus, verführerisch und abstoßend zugleich in der Kunst ausdrückt. — Richtet sie ihr Auge mehr nach vorne als zurück, bringt sie unstete Bewegtheit, wie sie einer wissenschaftsgläubigen Zeit, in der alles los ist, eigen ist. Belebende Sehnsucht dagegen ist im genauen Zentrum der Spannung zwischen dem Nicht-mehr und Noch-nicht. Sie bedeutet Kraft aus allen Zeiten im Energiefokus des Gegenwärtigen. — Auch Liebe ist Nicht-mehr-Liebe und Noch-nicht-Liebe. Im Spannungspunkt zwischen beiden heben sich Vergangenheit und Zukunft auf.
(S. 88/89)

Ich halte dich«, sagt der Liebende in seiner Verzauberung, »doch halte ich dich? Und halte ich dich? Und halte ich dich?« — Gerade im intensivsten Erleben der Liebe werden radikale Fragen, die wir im Alltag flach trampeln, aus der Tiefe unseres Seins vernehmbar: »Ich liebe dich. Liebe ich dich? — Du liebst mich. Liebst du mich? Bin ich geliebt?« Solches Fragen meint nicht das Problem der Projektion, sondern etwas viel Fundamentaleres, nämlich das unvermeidbare Ungenügen aller Worte, um eine flie­ßende Wirklichkeit mit ihrem ständigen Perspektivenwechsel zu erfassen. Denn jedes Wort ist magisch: es will das Fließende festhalten. Die Erfahrung der Liebe jedoch löst die Wortmagie auf und entläßt ins Ungewisse. — Auf diese Weise entsteht zusammen mit der Liebe Sehnsucht, und mit der Sehnsucht die Ungewißheit der Liebe. Gleichzeitig mit der Liebe bricht die Wunde der Unge­liebten auf.

Wir haben keinen festen Boden unter den Füßen, solange wir stehen bleiben. Es gibt keine unwandelbaren Voraussetzungen, auf die wir unser Denken und Tun gründen könnten, keine »Bedingung der Möglichkeit«, wie Kant sagt. Unsere Identität ist in der Sehn­sucht, in der unentwirrbaren Mischung des Gefühls von Wirklich­keit und Illusion, im Lebensschwung, der nicht weiter definiert werden kann. — Die Tiefenpsychologie muß aus dem, was die Philosophie seit über hundert Jahren mit wachsender Deutlichkeit herausarbeitet, die Konsequenzen ziehen. Nur wenn sie ihre eigenen Anschauungen relativiert und als bloße Perspektiven erfaßt, fühlt sich der heutige Mensch von ihr verstanden. Sonst deckt die Heilung, die sie vermittelt, seine Ungeborgenheit zu. Dazu muß sie zu einer Tiefenpsychologie der radikalen Bewegung, also einer Psychoener­getik werden.
(S. 89/90)

Die primäre Identität ist eine »basale Struktur, die allen weiteren Umgestaltun­gen als gleichbleibender, die Einheit der Person garantierender Kern zugrunde liegt«

Ich habe letzteres Zitat, das von Rolf Fetscher stammt, kursiv gesetzt. Das Identitätsmodell der Entwicklungspsychologie, das in ihm zusammengefaßt wird, setzt einen Kern des Individuums voraus, dessen Entfaltung nur durch äußere Faktoren behindert werden kann. Die Ichstärke ist in diesem Denkzusammenhang Grundlage für alle weiteren Entwicklungsschritte.

Wie weit entfernt ist diese Sprache, die von Bewahrung, Festig­keit, Garantie des Selbst und von dessen basaler Struktur redet, von der perspektivischen Bewegungssprache, welche Literatur und Phi­losophie heute weitgehend kennzeichnet! Bedeuten die geistigen Strömungen unserer Zeit, die sich in einer Bewegungssprache ausdrücken, nur Auflösung und Dekadenz, vor der die praktische Psychotherapie, die das Leiden des konkreten Individuums im Auge hat, bewahren muß, oder sprechen sie einfach eine andere Sprache? Das zweite ist der Fall. In ihrer Sprache treffen sie sich mit Buddha, wenn er von sich sagt, daß er sich an nichts festhält und nichts sein eigen nennt. Psychologisch heißt dies, daß er Persön­lichkeitsstrukturen für Hilfskonstrukte unseres Geistes mit dem Ziel einer fiktiven Identität hält. Trotzdem war Buddha das, was wir einen ichstarken Menschen nennen. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Etwa so, daß er auf der Basis eines festgegründeten Ich schließlich zur einseitigen Auffassung einer fließenden Wirklichkeit gekommen ist? Das wäre eine zu einfache, ja verkehrte Antwort, weil sie innerhalb unserer Perspektive bliebe. Versuchen wir also die Perspektive zu ändern. Eine Sprache, die ständig von Struktur, gleichbleibendem Kern, Garantie der Einheit redet, ist eine objekti­vierende, statische Sprache, die von der Bewegungserfahrung des Subjekts abstrahiert.

Abstraktion von der Bewegung selbst in bezug auf den »Kern« unserer Persönlichkeit ist unpsychologisch, das heißt, sie klammert einen wichtigen, psychischen Faktor aus. Dazu ein einfaches Bei­spiel: Festigkeit im Körper, verstanden als Bewegungslosigkeit, ist Starrheit; die Muskeln sind in ängstlicher Abwehr verkrampft. Bei Angriffen ist ein unbeweglich fester Körper unflexibel, also schwach. Ein gesunder Körper dagegen ist in ständiger Bewegung. Seine »Festigkeit« ist kraftvolle Bewegung.
...
Das Vokabular der Entwick­lungspsychologie trägt der Bewegungserfahrung in den Sachverhal­ten, die sie beschreibt, nicht ausreichend Rechnung. Es ist von einem vergangenen, einseitig objektivierenden Wissenschaftsideal her geprägt. Es reicht nicht aus, von »Entfaltung der Strukturen aus einem gegebenen Potential« und von »flexiblen Strukturen« zu reden. Solange wir feste Bezugspunkte schaffen, abstrahieren wir von der Wirklichkeit.
(S. 92/93)

In Frankreich hat Jacques Lacan einiges zu einer Neuformulie­rung der Psychoanalyse beigetragen. Er kam dabei zu einer Be­schreibung menschlicher Identität, in der die Ungewißheit, Unver­trautheit, Ungeborgenheit und Sehnsuchtsspannung nicht auflös­bar sind, sondern den Menschen zu sich selber machen. ...
Lacan unterstreicht, daß die Jubelreaktion des Kindes vor seinem Spiegelbild nicht eine bereits vorhandene Identität bestätigt, son­dern diese erst konstituiert. In der Wahrnehmung seines Bildes wird das Kind identisch mit sich selbst. — Wie aber ist dieses Spiegelbild? Sieht es dem Kinde gleich? Ist also folglich die erste Identitätserfahrung des Kindes etwas Widerspruchsloses, eine fraglose Gewißheit? In seiner Antwort unterscheidet sich Lacan von der Entwicklungspsychologie, die von einem gleichbleibenden Kern des Kindes ausgeht und die Konflikte in der Sozialisation situiert. — »Das Bild ist anders, dem Kind heterogen«, nicht nur wegen der umgekehrten Symmetrie, sondern vor allem, weil die entscheiden­den Attribute des Bildes: Einheit, Festigkeit, Dauerhaftigkeit, vom Kind am eigenen Körper als Mangel erlebt werden.' Das Bild wirkt auf das Ich fiktiv, illusionär, entfremdend, weil es zur Identität mit etwas Fremdem führt.

Der gleiche Vorgang wiederholt sich im Erwachsenenleben im­mer wieder: Durch die Selbstwahrnehmung, geschehe diese im eigenen Spiegelbild oder, was auch beim Kind häufiger ist, im Bild eines anderen Menschen, der unbewußt als eigenes Spiegelbild gesehen wird, werden wir uns zunächst fremd. Wir erleben uns als unzulänglich. »Ich ist ein Anderer«, sagt Lacan, und dieses Ich wird sich auch immer ein Anderer bleiben. Das Bild ist nicht Repräsenta­tion einer Wirklichkeit, von der wir anderweitig Kenntnis haben. Das, was das Bild abbildet, ist erst durch dieses Abgebildetsein. Wir sind Spiegel ohne Ende.

Welches Gefühl nun ist das zentrale und ursprüngliche, das zum Spiegel ohne Ende paßt? Die Sehnsucht! Wir sehnen uns nach dem Anderen, der wir sind. Lacan spricht vom »desir de l'autre«, von der »Sehnsucht nach dem Anderen«. Das französische Wort »desir« heißt sowohl Begehren und Wunsch als auch Sehnsucht. — Unsere Identität ist primär in der Sehnsucht nach dem Anderen, der wir sind, nicht im Kompromiß zwischen Anlage und Gesellschaft. Wir selber sind diese Spannung zum Anderen. Alles Wissen über uns und die Welt wird uns durch die Spannung zum Anderen, mit der wir identisch sind, vermittelt.

Ich meine, daß wir auf dem Hintergrund von Lacans Auffassung des Spiegelstadiums auch das, was Jung »Schatten« nennt, neu begreifen. Für Lacan ist der Andere nicht in uns, als Unbekannter iu einem Bekannten. Er ist kein dunkler Persönlichkeitsanteil nebst einem hellen, den wir kennen. Wir nehmen den »Schatten«, den »Doppelgänger« in der nie erfüllbaren Sehnsucht nach uns selber wahr. Er ist immer anders, und wir sind anders. Aus dieser Perspektive gibt es also keine »Schattenintegration«, die Jung als ein Ziel menschlichen Reifens betrachtet. Weil wir keinen festen Bezugs­punkt in uns haben, ist radikal gesehen »Schattenintegration«, »Annahme der inneren dunklen Persönlichkeit« und allgemein seelischer Fortschritt eine Illusion. Die fundamentale Sehnsucht nach dem Anderen bleibt, auch wenn wir vieles von dem, was vorher unbewußt war, bewußt gemacht und in unser Leben »integriert« haben. Sie brennt nicht weniger als zu einer Zeit, dawir als »Anfänger« noch weniger »fortgeschritten« waren. Die Rückseite dieser Sehn­sucht ist die Fremdheit (Albert Camus) und Unvertrautheit: das nicht weiter zu begründende Gefühl, nicht »geliebt« zu sein.

...

Die Selbstwahrnehmung im Spiegelbild des Anderen beschäftigt mich seit Jahren in verschiedenen Zusammenhängen. Ich nannte sie zuerst »Spiegelkommunikation«, dann »Leitbildspiegelung«.

Ähnlich wie sich das Kind im realen Spiegel und übertragen im Spiegel einer zugewandten Bezugsperson jubelnd in seiner Ganz­heit und Einheitlichkeit erkennt, nehmen sich auch Erwachsene im Anderen wahr. Die Beziehung zu einem Anderen im Empfinden von Liebe weckt zunächst das befriedigende Gefühl der Stimmig­keit und Geborgenheit. Wir atmen auf, endlich vom Fremden ins Eigene zu kommen. Die Bilder, die sich zwei Menschen zuwerfen, wecken in jedem die Erfahrung, »zu sich« zu kommen. Es geht hier nicht um Projektionen, sondern um Spiegelbilder, in denen sich nicht nur der Spiegelnde, sondern auch der Gespiegelte wiederer­kennt. Liebe ist in dieser Hinsicht jubelnde Begegnung zwischen dem, was der Andere in mir wahrnimmt und für sein Leben braucht, und dem, was ich in ihm wahrnehme und für mein Leben brauche. Auf dieser Ebene betrachtet, kommt es zur beglückenden Aufnahme des Anderen ins eigene Leben. Der Andere ist »ein Bild meines heimlichen Lebens«. War ich zum Beispiel früher ein eher verschlossener Mensch, bin ich in der inneren Wahrnehmung des Anderen offener geworden. Die Wahrnehmung selber hat mich gewandelt. Im Anderen nehme ich eben das als faszinierend wahr, was in mir selber jetzt gerade zur Entwicklung bereit ist. Im richtigen Moment weckt die Leitbildspiegelung mit dem geliebten Menschen eigenes Lebenspotential. — Nur Liebe kann den Wider­stand gegen einen angezeigten Entwicklungsschritt auflösen.
(S. 94-96)


In welchem Stadium einer Liebesbeziehung wir uns auch befin­den mögen, die Sehnsucht bleibt. Warum? Die erste Antwort ist leicht zu verstehen: Der Andere hat mir noch viel von sich zu sagen; ich sehne mich danach, sein Wesen mehr in mir auszukosten, und ich sehne mich nach einer Neuschöpfung meines Lebens. — Die zweite Antwort geht tiefer: Bei aller Liebesnähe bleibe ich mir und dir doch fremd, weil ich der Andere bin und insofern weder mich noch dich je erreiche. Besonders in Umbruchzeiten des Lebens merken wir, daß sich nicht nur einige Einzelheiten verändern, sondern das Ganze anders ist. Nach der Illusion einer friedlichen Kontinuität wache ich eines Tages auf und realisiere: alles Vertraute ist mir weggenommen, alles ist anders, die Partnerschaft ist anders, das Licht und die Welt sind anders, ich bin der Andere. Aus der Perspektive dieser Wurzelerfahrung gibt es keine Entwicklung. Jedes lineare Vorwärtsschreiten in einer Kette von Ursachen und Wirkungen ist Selbsttäuschung. Im Gehen ist das Gehen alleine wirklich. — »Du bist sehr weit«, sagen manchmal Menschen zu einem, der weiter gegangen ist als sie. Doch im Moment, da sie es aussprechen, gibt es für ihn vielleicht kein »sehr weit« oder »weni­ger weit« mehr.

Solange zwei Menschen, die sich lieben, aus dem Bewußtsein leben, wie weit oder wenig weit jeder von beiden durch die Bezie­hung schon gekommen ist, ist Lüge da. Noch fehlt es an Kontakt zum Anderen, der einfach anders ist. Sie wollen einander »integrie­ren« und unterdrücken die wesentliche Sehnsucht. Sie zählen sich die getanen Schritte vor, als ginge es darum, Hausarbeiten zu kontrollieren. Sie haben Angst vor dem Anderen, Unvertrauten und Ungewissen. Sie meiden die Spannung der Sehnsucht, die ans Nicht-mehr und Noch-nicht erinnert, und betäuben die Wunde der Ungeliebten. Doch eines Tages, vielleicht in einer plötzlichen Krise, kehren all die vielen erledigten Schritte in Windeseile zum Nullpunkt zurück, vergleichbar einer kilometerlangen Reihe von Dominosteinen: ein einziger Stoß mäht alle zu Boden.

Dann ist Erwachen. Jetzt geht es nicht mehr um Ziele und die Realisierung von Lebensplänen. Jetzt können wir beide uns in schweigsamer Tiefe begegnen, wo jeder anders und fremd ist. Leitbildspiegelung geschieht jetzt nicht mehr in einer überschauba­ren Bilderfolge, sondern in der unstillbaren Sehnsucht zwischen den gespiegelten Bildern.
(S. 98)


9 Druck und Drang

Da Menschen, die sich ungeliebt fühlen, immer Be-drückte sind, traurige, bekümmerte Menschen, ist bei ihnen jede Art von »Drucktherapie« verfehlt. Als »Verwundete der Zivilisation« bil­den sie geschlossene Energiesysteme. Daher empfinden sie jede äußere Einflußnahme als Druck. Sie haben eine begründete Abnei­gung gegen feste Weltanschauungen, die mit dem Anspruch, heilen zu können, auftreten. Diese erleben sie als Einengung und Mangel an Liebe, als Verrat am Erfühlen und Erspüren der Wirklichkeit. Wer von außen auf andere Druck ausübt, distanziert sich von deren Innerem, und eben diese abkühlende Distanznahme ist es, die an die früh geschlagene Wunde der Ungeliebten erinnert.
(S. 102)

Die Psychoenergetik gibt dem dionysischen Prinzip in der Psy­chotherapie seine ursprüngliche Bedeutung zurück. Ohne dieses empfinden wir vieles, was wir tun, als äußere Forderung und äußeren Druck, der unsere Energie erschöpft. Es gilt, ganz und gar identisch mit der Intensität des in den Ausdruck drängenden Le­bens zu werden. Alles, was in uns existiert, will darin einbezogen werden. Dionysos ist vollständige Bejahung, auch von nicht änder­baren Verneinungen: etwa von einer unglücklichen Kindheit, von Trennung, Verlust, Krankheit, Sterben, von allen Schmerzen des Wachstums. In der Haltung umfänglicher Bejahung laufen wir nicht Gefahr, daß der Lebensdrang in Belastungssituationen zum äußeren Druck wird, und die Gebärde der Schöpfung zur Gebärde der Abwehr. Wieviel Gewicht fällt von uns ab, wenn wir nicht mehr Opfer fremder Kräfte, sondern Täter aus eigener Kraft sind. Wie leicht und beweglich werden wir auf einmal! Das Leben rollt aus uns heraus. Wir haben unsere Energie von der Frontverteidigung abgezogen und uns aus der Bedrückung befreit. Eine neue Heiter­keit breitet sich aus. Kein fremdes Unglück wird uns mehr überfal­len. Geraten wir in Unglück, ist es unser eigenes, Ausdruck unseres Lebensdranges auch im Dunkeln.
(S. 103/104)

Im Drang bleiben: das ist der springende Punkt in jedem Mo­ment. Wir brauchen die »Kraft- und Sinnflüsse« nicht mehr zu unterbrechen, weder in lebendigen Gesprächen, noch in leiden­schaftlichen Umarmungen und selbstvergessenem Tanz, nicht ein­mal in Qual und Schmerz'. Die Intensität des Drucks, unter dem wir gerade stehen, ist der Gradmesser für die Intensität des Dran­ges, der sich aus uns befreien will. Mit allen Klienten mache ich dieselbe Erfahrung, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß: Der Moment, da Drang zu Druck wird, kann verzögert werden, manchmal so weit, daß er eines Tages sogar völlig ausbleibt. Die ausdauernde Aufmerksamkeit des Therapeuten schafft die Voraus­setzung, daß der Klient immer etwas weiter geht, als er sonst gehen würde. Sie ermöglicht ihm Schritte, die im Vakuum der Isolierung nicht möglich waren. Der Therapeut ist anteilnehmender Zeuge dessen, was geschehen muß, besonders in Situationen, in denen frühere Bezugspersonen sich wegwandten und nicht mehr Zeugen sein wollten.

Dieser Prozeß bedeutet nicht im Sinne der Psychoanalyse die Stärkung der Frustrationstoleranz. Diese besteht in der Verbesse­rung unserer Fähigkeit, einem Druck zu widerstehen. Die Erfah­rung des Drucks jedoch wird als vollendete Tatsache genommen. Unter dem Anprall von Schwierigkeiten lernen wir, die Zähne zusammenzubeißen und trotzdem weiterzugehen. Im Gegensatz dazu geht es der Psychoenergetik darum, Druck in Drang zu wandeln. Sogar wenn wir einer Krankheit erliegen, brauchen wir ihr nicht zu unterliegen. Jetzt geht es darum, im Leben, das uns bleibt, zu bleiben, und nicht den Tod vorwegzunehmen. In dieser dionysischen Grundeinstellung der emotionalen Fließidentität empfinden wir in einer rätselhaften, tiefen Weise selbst Schmach und Schmerz als Lust, und zwar im wesentlichen nicht anders als Jubel, Umarmung und Hingabe. Hier ist nichts mehr von Freuds stoischer Einstellung zu spüren, wenn er schreibt: »Das Leben zu ertragen, bleibt jedoch die erste Pflicht der Lebenden.«5 Leben als Pflicht ist Leben als Druck, dem der Mensch sich zu beugen hat. Das Lustprinzip muß dem Realitätsprinzip weichen. Das energeti­sche Prinzip jedoch, das unter dem Zeichen des Dionysos steht, vereinigt beide im Ja zu einem Leben, das wir nicht mehr mit Wertungen spalten. So wichtig es ist, Schmerz zu vermeiden, so notwendig ist es, mit ihm identisch zu werden, wenn er unumgäng­lich ist und jetzt unser Leben bestimmt.
Seit einer Krankheit, die mich Anfang 1985 an den Rand des Todes brachte, halte ich in Belastungssituationen, in denen ich Druck spüre, manchmal mit der intensiven Empfindung inne: »ich lebe«. Sie meint nicht: »Ich lebe trotz meiner Belastung«, sondern: »Ich lebe in ihr, bin identisch mit ihr. In ihr drängt mein Leben, und ich werte es nicht mehr.« — Diese Empfindung ist in einer tiefen, unvergleichlichen Weise lustvoll. Muß ich hinzufügen, daß sie nichts mit Fatalismus oder gar Masochismus zu tun hat, sondern das Leben in die bestmögliche Richtung lenkt? Solange Lust sich von Unlust unterscheidet, ist sie nicht die Lust des Dionysos.
(S. 104/105)

Weiter-gehen ist
weiter-singen: die tönende, vibrierende Beharr­lichkeit des Lebendigen. Dies ist keine Metapher. Der Gestreßte und Bedrückte erleidet tatsächlich einen Vibrationsverlust: seine Stimme verliert an Fülle und Tiefe, seine Affekte und Gefühle werden flach9. Wenn wir auf Streßsituationen mit beharrlichem Singen und Summen reagieren, gewinnen wir vielleicht das Gespür für uns selber wieder. »Singen ist für Genesende.«
(S. 108)


Auch im intensiven Augenkontakt geraten Ungeliebte, also Menschen, die in der Kindheit das Vertrauen in Beziehungen nicht gelernt haben, oft unter Druck. Sie verlieren den Kontakt mit sich selber. Ihre Lebendigkeit erstarrt. Ich erwähnte dies im Zusammen­hang mit dem Unliebesspiel »Immer ein wenig zu spät«. — Ein Kleinkind blickt beim Stillen regelmäßig auf, um den Augenkon­takt mit der Mutter herzustellenu. Verliert ein Kind später sein Vertrauen in die Eltern, wendet es den Blick rasch ab: es befürchtet, in seinem Eigenleben von ihnen gestört zu werden. Von nun an mangelt es ihm an Ermunterung im eigenen Lebensdrang. Den fordernden oder abwesenden Blick der Eltern empfindet es als Beeinträchtigung seines Wohlbefindens und es vermeidet ihn. Er­wachsene, die sich als Kinder auf diese Weise isolieren mußten, verbinden jede Beziehung zunächst mit Druck. Deshalb sind Unge­liebte so beziehungsscheu. In ihren Augen bricht die Energiespan­nung regelmäßig zusammen. Der Blick verliert seine lockende Lebendigkeit, wird gläsern und hart, damit der Blick des anderen nicht eindringt, sondern an ihm zerschellt.

(S. 108)


In jedem Augenblick gibt es eine optimale Lebensspannung, die wir weder unter- noch überschreiten dürfen. Auch letzteres ist möglich. Wir können auch zu weit gehen. Manchmal ergreift der Ungeliebte in heroischer Selbstüberschätzung die Flucht nach vorne und überspannt den Bogen. »Spanne (den Bogen) bis aufs äußerste, und du wirst wünschen, rechtzeitig eingehalten zu haben« (Laotse). Druck wird nicht in Drang, in Lebensschwung und Lebensfreude gewandelt, sondern mit Aufbietung aller Kräfte ge­waltsam durchbrochen. Das ist Tragik. Solche Menschen zerbre­chen am Eis, das sie in ihrem Herzen nicht schmelzen können. Sie zerstören, was sie liebkosen wollten. — Folgender Ausspruch Nietzsches gilt auch für ihn selber: »Die Menschen der tiefen Traurigkeit verraten sich, wenn sie glücklich sind: Sie haben eine Art, das Glück zu fassen, als ob sie es erdrücken und ersticken möchten.«12 — Auch in heroischen Ungeliebten sind die Hemmun­gen stärker als die Impulse, Druck stärker als Drang.

(S. 109)



10 Das Fleisch wird Wort: Körpergeistigkeit

Zu selten wird die Wahrneh­mung des Leiblichen für Tiefenpsychologen zum Ereignis, das zur Einsicht und zu einem leiblichen Denken führt. Daraus erklärt sich der Mangel an Gespür für Umwelt und Kosmos. Aus dem, was C. G. Jung in einem Vortrag 1928 aussprach, hat die Tiefenpsycho­logie die Konsequenzen noch nicht genug gezogen: »Der Körper erhebt seinen Anspruch auf Gleichberechtigung, ja er übt eine Faszination aus wie die Seele. Ist man noch gefangen von der alten Idee des Gegensatzes von Geist und Materie, so bedeutet dieser Zustand eine Zerspaltung, ja einen unerträglichen Widerspruch. Kann man sich dagegen mit dem Mysterium aussöhnen, daß die Seele das innerlich angeschaute Leben des Körpers und der Körper das äußerlich offenbarte Leben der Seele ist, daß die beiden nicht zwei, sondern eins sind, so versteht man auch, wie das Streben nach Überwindung der heutigen Bewußtseinsstufe durch das Unbe­wußte zum Körper führt und umgekehrt, wie der Glaube an den Körper nur eine Philosophie zuläßt, die den Körper nicht zugun­sten eines reinen Geistes negiert.«

(S. 113)


In der Analyse des Redeflusses sind nicht die Kindheitserinne­rungen am wichtigsten. Von ihnen ist direkt keine Änderung zu erwarten. Doch verstärken und erweitern sie das Empfinden für die energetischen Prozesse der Gegenwart, sind gleichsam deren ver­deutlichende Projektion auf die Leinwand der Vergangenheit. — Ich werde manchmal gefragt: »Dies alles habe ich jetzt ins Gespür bekommen. Doch wie kann ich es umsetzen? Wie kann ich dieses hinderliche Energiemuster — die Distanzierung von der eigenen Lebensgebärde — loswerden?«—Wer so fragt, hat das Gespür für das vielleicht kurz Gespürte, hat die Energiespur bereits wieder verlo­ren. Umsetzen und loswerden wollen, heißt Abstand nehmen, um ein Problem von außen, wie einen Marmorblock mit einem Meißel zu bearbeiten. Eben dies ist ein widersprüchliches, hoffnungsloses Unterfangen. Denn wer hat Probleme? Der Marmorblock oder ich? Und ist das Problem nicht viel mehr der Meißel in der Faust? — Es reicht, rezeptiv, wach, ohne Selbstkritik, das heißt ohne Abspal­tung von sich selber durch ein negatives Urteil, im Gespür zu bleiben, nichts anderes als eben dieses Gespür für das, was jetzt geschieht, zu sein, damit das alte Energiemuster von innen her schmilzt und wir zu einer ganzheitlichen Gebärde des Lebens finden. Das Entscheidende dabei ist, sich zu sagen: »Der, welcher sich immer wieder unterbricht oder verstummt und seine natürliche Erregung drosselt, bin ich selber: er ist jetzt mein Leben und von daher wertvoll. Ohne Kritik bin ich mit ihm identisch.« So wird er dem Leben angeschlossen und von sich selber erlöst.

(S. 117/118)

Wie dem einzelnen tut auch der Gesellschaft solche »Leiblichkeit des Denkens« not. Solange wir das Geistige gegen das Leibliche, Ideen gegen das Wirkliche ausspielen, fehlt uns die Liebe zum Weltganzen und zu den Grundanliegen der Menschheit. Die Idee, die sich dem Wirklichen aufzwingt, zerstört dessen natürliche Dynamik. Die Fleischwerdung des Geistes führt zur Entgeisterung des Fleisches: zur Zerstörung des Lebendigen. Nur die »Körpergei­stigkeit« (Sloterdijk) macht uns weltoffen, erlöst das Subjekt aus seiner abstrakten Isolierung. Es geht um das »Hellerwerden des weltoffenen Leibes«, das »Sprechender-Werden und Welthaltiger- Werden des Leibes«. — Ich bekomme immer mehr den Eindruck, daß in einer wachsenden Zahl von Menschen die »Körpergeistig­keit« erwacht. Mir fällt auf, daß diese von aufgesetzten Meinungen freieren Menschen weniger kontrovers denken, sondern bei aller kritischer Unterscheidungsgabe auch im Nein, das sie aussprechen, zunächst die Berührung und Verbindung suchen und signalisieren: das ja zum Nein und das Nein im Ja. Eine Verständigung mit ihnen wird möglich, aber nicht in einem oberflächlichen, nivellierenden Kosmopolitismus, sondern in der Tiefe des dionysischen Wir- Gefühls, des leiblichen Verbundenseins. Stellung, Maske, Schale verlieren an Wichtigkeit. Das körperliche Sich-Erspüren macht auch das Gespräch lebendig und schöpferisch. Der energetische Mensch aus dionysischem Geiste ist nicht auf Kriege angewiesen, um seinen Leib zu spüren. — Wie entfleischlicht und entgeistert wirken dagegen so viele Verkünder des fleischgewordenen Wortes, wie isoliert mit ihrer universalen Botschaft!

Der energetische Mensch empfindet kein Bedürfnis, sich Men­schen und Dingen aufzuzwingen und einzuprägen. Er lebt aus dem erregenden Gefühl, daß Menschen und Dinge auf ihn zukommen und ihn »in das Abenteuer der Erfahrung verwickeln«4. Er liefert sich nicht aus, sondern läßt geschehen. Er stimmt dem zu, was sich ereignet. Er weiß, daß es unmöglich ist, zweimal in den gleichen Fluß zu steigen (Heraklit), und hält sich frei und verfügbar. Er kommt dem schläfrigen Widerstand zuvor und ist von entspannter Wachheit. Weil er Menschen nicht festhält, gedeihen seine Bezie­hungen. Weil er nichts erreichen will, gelingt ihm vieles. Er zielt nicht darauf ab, eine originelle Persönlichkeit zu sein; vielmehr liegt ihm an Verständigung und Beziehung. Und doch prägt sich gerade in ihm das Leben auf eigentümliche Art aus. — Er ist kein Abhängiger, sondern ein Hingezogener, kein Unterdrücker, sondern ein Zugewandter. Was ins Leben drängt, ist nicht gegen andere, son­dern zu anderen hin. Er erlebt sich mondhaft: den Schein, den er auf andere wirft, als Widerschein von deren Licht. Energetische Men­schen blenden sich gegenseitig nicht, sondern genießen die Sonnen­bäder, die andere ihnen schenken, und wachsen darin. Es ist kein Widerspruch, daß sie aktiver als Menschen sind, die mit Aufbietung ihres ganzen Willens nach Selbstbestätigung gieren. Denn in ihrer lockeren Offenheit ziehen energetische Menschen Energie an. Sie haben keine Worte, welche die Wortwerdung des Fleisches, keine Vorstellungsbilder, welche die Gebärde verhindern.

(S. 120/121)



11 Die traumatische und die erotische Spur

Die Frau erhofft sich Hilfe vom Sprechen über das Trauma ihres Ungeliebtseins : dreimal wurde sie im Stich gelassen, nämlich von ihrem Vater, ihrem Mann und »mir«; dreimal machte sie einen Suizidversuch; dreimal schrieb sie »mir«. Drei ist die Zahl der Dynamik. Die Dynamik der Frau äußert sich in ständigem Aufkrat­zen der alten Wunde ihres Ungeliebtseins. Dabei ist sie anspruchs­voll, hat kein Verständnis für Verzögerungen in der Erledigung »meiner« Korrespondenz. Wieder und wieder will sie von ihrem Leid sprechen, ihren Rabenvater in allen Details ausmalen, ihren Mann, den Schurken, in seiner Gemeinheit durchleuchten, um jedes Schuldgefühl über die Trennung von ihm loszuwerden. Sie realisiert ihren Trick nicht, nämlich, daß sie mit der Endlosanalyse vermeiden kann, ins Leben einzutreten und weiter als das Trauma zu gehen. Im Dienste ihres Widerstandes hegt und pflegt sie die Wunde der Ungeliebten eine zeit- und geldaufwendige Aufgabe. — So also sieht mein Leben aus, wenn ich auf der traumatischen Spur haften bleibe.

Wie ätzend und zersetzend wirken masochistisch durchgepäp­pelte schlimme Erinnerungen! Sie bedeuten den regelrechten Selbstmordkurs, die Richtung der Selbstzerstörung. Die traumati­sche Spur führt zu seelischer Zerstörung, wie Franz Kafkas Schick­sal zeigt. Menschen sind höchst sensible autosuggestive Systeme. Mit solcher Neubelebung alter Erinnerungen bestimmen wir unser Los, verstimmen wir unser Leben. Wir wühlen in alten Wunden auch dann noch herum, wenn wir bereits alles Mögliche über sie wissen, und zeugen so neue Wunden, bis das ganze Dasein wund, und brennender Schmerz das einzige Gefühl ist. Auf diese Weise hypnotisieren wir uns mit der Botschaft: »Alles ist, wie es immer war.. Grübeln in alten Erinnerungen ist Grübeln in der Wunde der Ungeliebten. Diese kann nur vernarben, wenn wir sie in Ruhe lassen. Das hat nichts mit Verdrängung, sondern mit Heilung zu tun.
(S. 125)

Im Christentum fand und findet eine heillose Verstärkung der traumatischen Spur im einzelnen durch die Kollektiverinnerung an Jesu Tod statt, besonders in der Westkirche. In künstlerischen Darstellungen leidet der Schmerzensmann nicht Schmerzen des Wachstums. Seine Gestalt weist selten auf Auferstehung und Wandlung hin. Seit zweitausend Jahren blutet er aus seinen fünf Wunden: ein hypnotisches Bild, das in Unzähligen die traumatische Spur verstärkt, wenn nicht gar geschaffen hat. Jesus und viele Heilige erscheinen als wehrlos Geopferte. Vertrauen in die Spur des Wachstums wird in der christlichen Kunst der Westkirche selten sichtbar. In der Ostkirche dagegen leuchtet der Zusammenhang von Tod und Wandlung häufiger auf.
(S. 126)

Ich gehe in der gleichen Richtung wie die zweite Frau. Polarität bedeutet Bezogenheit. Bezogenheit meint: in der gemeinsamen Erregung des Lebens bleiben, auf dem gleichen Weg noch weiter gehen. — Ich ergreife die mir entgegengestreckten Hände. Die körperliche Berührung bringt lustvollen Kraftzuwachs. Die Hin­gabe an die Berührung weckt Verbindung. Wie Elektrizität prickelt es durch unsere Körper. Strahlende Energie durchrieselt uns. Du leuchtest. — Wir sprechen nicht. In diesem Moment würden Sätze zu Gegen-sätzen, und wir würden wieder zu Gegen-ständen, Ge­geneinander-Gestellten, Isolierten und Ungeliebten auf der trau­matischen Spur. — Alles Neue ist sprachlos. Wer jetzt zuviel redet, rutscht ins Alte ab. Wir halten die Spannung des Schweigens aus. Leise murmeln jetzt die Körper. Das Leben raunt. Ein Glucksen, ein Lächeln, eine dumme Bemerkung, eine schalkhafte Frage: »Haben Sie der anderen auch Ihre Hände gegeben?« Die lustige Frage spielerischer Eifersucht führt in die Tiefe. Darum geht es: um das Ergreifen der Hände, die Auflösung des nachdenkenden Ich ins Tun der Liebe. Wie zur Bekräftigung der neuen Einsicht halte ich die Hände der hell gewordenen Frau fester. Energie schwillt an. Festgesetztes löst sich, wird leicht und beweglich. Es ist die Stunde der Heiterkeit. Die Frau erhebt sich vom Rollstuhl. Weil die Energie der Liebe in ihr belebt ist, erinnert sie sich an ihre Beweg­lichkeit. Im Licht unserer Beziehung enthüllt sich die Wirklichkeit des Rollstuhls: er ist ein Kindersesselchen. In früher Kindheit hat sich die Isolierung festgesetzt und blieb viele Jahre verhockt. Doch nun, durch die wesentliche Beziehung, erwachen wir in der wirkli­chen Welt. Schnell lassen wir das Kindersesselchen hinter uns und gehen munter weiter, auf der erotischen Spur.
(S. 131)


Zum Schluß möchte ich eine Möglichkeit erklären, wie wir in jedem Moment unterscheiden können, ob wir uns gerade auf der traumatischen oder erotischen Spur befinden. Sie ergibt sich aus der Psychoenergetik des Atmens. Das Strömen des Atems hat zwei Bewegungsrichtungen: im Ausatmen hinaus in die äußere Welt und im Einatmen hinein ins innere Selbst. Der gesunde Mensch pulsiert in dieser Doppelbewegung des Atems zwischen der Außenwelt und sich selber. Atmet er aus, geht sein Interesse spontan nach außen, und sein Zielbild ist die »Welt«, atmet er ein, geht das Interesse spontan nach innen, und sein Zielbild ist das »Selbst«. So zeigt sich im Atmen die fundamentale Pulsation unseres In-der-Welt-Seins. In der Rhythmik von Geben und Nehmen, von Hingabe und Abgrenzung halten wir unser Fließgleichgewicht aufrecht. — Wenn wir in einer ruhigen Stunde genau darauf achten, merken wir, wie beim Ausatmen, vor allem kurz vor dem Umschlag zum Einatmen, die Peripherie unseres Körpers, besonders die Kontaktorgane, nämlich Hände, Füße, Augen und Geschlechtsteile geladener und sensibler werden, zum Beispiel leicht kribbeln und vibrieren, wäh­rend beim Einatmen, vor allem kurz vor dem Umschlag zum Ausatmen, das Zentrum des Körpers, der Bauch, sich mit Energie auflädt: im Rhythmus des Aus- und Einatmens verlagert sich der Energieschwerpunkt nach außen zur Peripherie des Körpers und dann nach innen zu dessen Mitte, und so weiter.

Das Erleben des gesunden Menschen strömt im unbewußten Einklang mit der Doppelbewegung seines Atems. Atmet er ein, ist er spontan stärker nach innen hin konzentriert, atmet er aus, expandiert er mehr nach außen. Praktisch zeigt sich dies darin, daß er eine körperliche Tätigkeit im Ausatmen beginnt und bei einer besonderen Anstrengung immer zunächst ausatmet. Bei einer in­tensiven sportlichen Leistung, etwa beim Weit- oder Hochsprung atmet er aus. Auch wenn er sich bloß vom Tisch erhebt, tut er es im Ausatmen. Dies ist bei ihm keine Technik, sondern geschieht von alleine. Wenn er ausatmet, tritt er nach außen, wenn er einatmet, nimmt er sich zurück. Alternierend erlebt er sich beim Ausatmen in der Leistung und beim Einatmen im Ansammeln von Energie. Sein inneres Auge wandert beim Ausatmen nach außen und beim Einat­men nach innen. Die zentrifugale und zentripetale Energiebewe­gung ist bei ihm ungespaltenes, ganzheitliches Erleben.

Bei Menschen mit Verlassenheitstraumen, also bei Menschen, die an der Wunde der Ungeliebten leiden, tritt eine Spaltung zwischen dem biologischen Geschehen und dessen subjektivem Erle­ben ein. Sie erleben die zentrifugale Atembewegung, also das Aus­atmen, mit einer zentripetalen Gemütsbewegung, und die zentripe­tale Atembewegung, also das Einatmen, mit einer zentrifugalen Gemütsbewegung. Was heißt das?

Ich beobachtete bei vielen Klienten, daß sie sich beim Ausatmen fast unmerklich in sich zurückziehen, was sich etwa darin äußert, daß sie wie unter einem unsichtbaren Druck leicht ihre Muskeln anspannen, dagegen beim Einatmen sich etwas loslassen und auf­tun. Dieses widersprüchliche Verhalten mutete mich höchst merk­würdig an und begann mich zu interessieren. Warum, wenn sie ausatmen, benehmen sie sich, als warden sie wie ausgepumpt unter einem äußeren Druck leiden? Und warum scheinen sie sich beim Einatmen entspannter der Außenwelt zuwenden zu können als beim Ausatmen? — Diese feinen Widersprüche verlangen vom Beobachter sensible Aufmerksamkeit. Sie geben, weil sie die rhyth­mische Grundstruktur eines Menschen erfassen, sehr genaue und einleuchtende Auskunft über seine energetische Grundproblema­tik.

Bei Menschen, die anstelle lustvollen Lebensdrangs beklemmen­den Druck empfinden (vgl. 9. Kapitel), äußert sich die Gespalten­heit vor allem im Ausatmen. Im Hinausgehen des Atems entlassen sie sich nicht in die Welt hinein. Sie erleben ihre Potenz nicht in Selbstmitteilung und Hingabe, sondern halten im Gegenteil ängst­lich an ihrem Ich fest. Da auf diese Weise ihre Energie nicht ungehindert nach außen strömen kann, fühlen sie sich lust- und kraftlos und empfinden demzufolge die Außenwelt als übermäch­tig. Besonders im Moment des Ausatmens, zu dem ungeschütztes Loslassen passen würde, konzentrierten sie sich schutzsuchend krampfhaft auf sich selber. — Ein Stotterer zum Beispiel schien beim Ausatmen und Sich-aus-Sprechen immer unter einem unsichtbaren äußeren Druck zu leiden, der den Selbstausdruck behinderte. Das Stottern war bei ihm ein besonders deutliches Zeichen der Ambiva­lenz im Selbstausdruck. — Andere Zeichen sind zwar oft weniger auffällig, aber ebenso eindeutig. Eine Frau sagte mir zum Beispiel, sie erlebe ihre Depression wie eine Kompression in der Brust. Ich bat sie darauf zu achten, was beim Ein- und Ausatmen mit ihrer komprimierten, zugeschnürten Brust geschehe. Nach einigen Atemzügen sagte sie, beim Ausatmen sei der Druck stärker. In der leiblichen Bewegung der Hingabe also war ihre Angst vor der Liebe am quälendsten.

Auch starke Raucher, die inhalieren, haben Angst vor der Hin­gabe. Gierig ziehen sie den Rauch in sich hinein, als könnten sie nie genug Muttermilch bekommen. Sie sind nicht nur schlechte Ein-, sondern auch Ausatmer, also gehemmt in der Hingabe. Ihre Bezie­hungen sind entweder überstrukturiert und gegen Unvorhergese­henes abgesichert, oder sie kennen in der Partnerschaft kurze, triebhafte Phasen zwischen längeren Zeiten der Funkstille.

Wenn unser Selbsterleben mit dem Atem einiggeht, brauchen wir uns über das Aus- und Einatmen keine weiteren Gedanken zu machen. Durch Nachdenken würden wir uns selber verunsichern und in unserem natürlichen Rhythmus stören. Der traumatisierte Mensch dagegen, der sich über die Gegenläufigkeit seines biologi­schen Rhythmus im Aus- und Einatmen und seines psychologischen Rhythmus in der Hingabe und Abgrenzung bewußt wird, erlebt dank dieser neuen Bewufhwerdung des Ausatmens, das er fälschlicherweise mit der Gegenbotschaft der Selbstbewahrung be­setzt, und des Einatmens, das er fälschlicherweise mit der Gegen­botschaft der Beziehungsaufnahme besetzt, ohne weitere Anstren­gung nach und nach eine Veränderung. Er kann diese erleichtern, indem er beim Ausatmen innerlich die Worte »gehen lassen« und beim Einatmen »kommen lass en« ausspricht, beziehungsweise beim Ausatmen das Wort »Welt« und beim Einatmen das Wort »Selbst«. Dadurch findet er Ge-lassenheit in der wachsenden Ober­einstimmung zwischen dem biologischen Ablauf und dessen psy­chologischem Erleben. Schließlich kann er vergessen, in dieser Weise auf das Aus- und Einatmen zu achten, denn das Strömen des Atems ist jetzt bei ihm ein ganzheitliches, biologisches und psycho­logisches Geschehen. Sowohl beim Aus- als auch beim Einatmen geht es dann nur noch um den ungehinderten Lauf des Atems und der Lebensenergie. Selbst und Welt relativieren sich in der neuen Ge-lassenheit, und es kommt zur Erfahrung von deren Ununter­schiedenheit, sind sie doch zwei Phasen in der einen Pulsation.

Solange wir Aus- und Einatmen mit psychologischen Gegenbot­schaften besetzen, befinden wir uns auf der traumatischen Spur. Wenn aber Leib und Seele in einen einzigen Strom des Er-lebens münden, sind wir mit allem Lebendigen verbunden, wir befinden uns auf der erotischen Spur.

(S. 133-136)



12 Teilnahme am Leiden des ungeliebten Kindes

Die Wunde der Ungeliebten ist sprachlos. Sie hat keine Worte, mit denen sie sich heilen könnte. Zwar erzählen Ungeliebte viele Ge­schichten, wie sie zurückgewiesen, emotional allein gelassen und nicht verstanden wurden, doch immer aus Lebensphasen, in denen sie ihr Leid bereits in Worte fassen konnten. Die sprachlose Zeit der ersten Lebensmonate meldet sich auch später nicht zu Wort. Wenn Menschen mutmaßend trotzdem über sie sprechen, scheinen sie ihre eigenen Worte oft weniger zu berühren, als vom Inhalt des Erzählten her anzunehmen wäre, oder sie haben das Gefühl, etwas Falsches zu sagen, auch wenn die Zeugnisse der früheren Bezugs­personen das Gesagte bestätigen. Sprache war kein Ausdrucksmit­tel, mit dem sie ihr damaliges Leid hätten kundtun können. Daher ist sie es auch in der Mitteilung des frühen, noch sprachlosen Leids nicht. Nie werden Ungeliebte mit Worten sagen können, was ihnen als Embryos und Säuglingen zugestoßen ist.

Das Trauma der Ungeliebten geht auf die sprachlose Zeit vor und nach der Geburt zurück. Therapeutische Gespräche über späteres Ungeliebtsein sind oft Alibiübungen und lenken von der Wurzel, nämlich der noch sprachlosen Wunde der Ungeliebten ab. Mangels anderer Möglichkeiten wird über etwas gesprochen, dem mit Wor­ten überhaupt nicht beizukommen, nahezukommen ist. Eigentlich müßte sich zuerst diese sprachlose Wurzel ausdrücken können, dann bekämen die Worte, die späteres Ungeliebtsein erfassen, Boden und Sinn. So hängen sie in der Luft. Dieses unlösbar scheinende Dilemma führt oft zu Endlosanalysen oder zu verbitter­ten Abbrüchen der Analyse, bevor der ersehnte Durchbruch erfolgt ist.

Ist das Dilemma wirklich unlösbar? Kann das Kleinkind, das der Worte nicht mächtig ist, sich im Erwachsenenalter Jahre oder Jahrzehnte später nicht doch noch auf seine ihm gemäße, wortlose Art ausdrücken? Oder muß Analyse letztlich eine Strategie bleiben, wie man die Wurzel des Leids umgehen kann, — wie man so ichstark wird, um vom tief innerlichen Schmerz nicht überflutet zu werden, — wie man das Leben stoisch ertragen kann? Auf diese Fragen versu­che ich in diesem Kapitel zu antworten.

Die Wunde der Ungeliebten wird nicht durch bloße Einzelereig­nisse im Leben eines Kindes geschlagen, zum Beispiel dadurch, daß die Eltern einmal gerade nicht in der Wohnung waren, als das Kind weinend aus einem Angsttraum erwachte. Aus ihrem Erklärungs­bedürfnis konstruieren Ungeliebte im Erwachsenenalter oft Zu­sammenhänge, die den Kern ihres Ungeliebtseins nicht treffen. Die Tatsache, daß solche Erklärungen bei ihnen selber oft wenig emo­tionale Reaktionen auslösen, zeigt, daß sie an der Sache vorbeige­hen. Sie gehören in den Bereich der erwähnten analytischen Alibi­übungen. — Anders steht es, wenn mehrere punktuelle Ereignisse, in denen das Kind sich im Stich gelassen fühlte, auf eine Grundhal­tung der Mutter oder des Vaters oder beider zu ihrem Kind hin­weisen. Diese Grundhaltung war mit größter Wahrscheinlichkeit schon in der sprachlosen Anfangszeit des Lebens da. Verheerend wirkt sie sich beim Embryo und beim Neugeborenen aus, also im Stadium größter Prägsamkeit. Die destruktive Grundhaltung der Eltern bestand vielleicht in Affektleere oder Affektüberschwang, der den Mangel an wirklicher Bezogenheit zu diesem besonderen Kind verbarg, oder in verneinender Aggression als Dauereinstel­lung oder allgemein in einem Persönlichkeitsdefekt. Das Kleinkind ist kein bloßes Reflex- und Triebwesen, sondern ein Fühlwesen, das zu seiner Entwicklung Zuwendung und Liebe braucht.

Es ist in einigen Fällen schwierig, gar unmöglich, Zusammen­hänge zwischen der Wunde des Ungeliebtseins und den Bezugsper­sonen eines Menschen herzustellen. Manchmal, wenn auch selten, scheint der Ursprung der Wunde der Ungeliebten mehr oder sogar ausschließlich in der Persönlichkeit derer, die sich ungeliebt fühlen, zu liegen, und weniger, beziehungsweise gar nicht in deren frühen Bezugspersonen.

(S. 138)


Wie äußert sich Verlassenheit bei Kleinkindern? Durch psycho­motorische Unruhe, die mit Schreien verbunden ist, und sich besonders vor den Mahlzeiten zu eigentlichen Erregungszuständen steigert. Häufig sind auch Störungen des Schlafes und der Nah­rungsaufnahme. Der Gesichtsausdruck zeigt die tiefe Verlassen­heit: in den herabgezogenen Mundwinkeln, den vertieften Nasen­falten, den zusammengezogenen Augenbrauen und den gespannten statt wohlig entspannten Gesichtszügen. »Nimmt man einen dieser verzweifelt schreienden Säuglinge auf den Arm, so kann er sich oft überraschend beruhigen, obwohl er seine Flasche noch nicht be­kommen hat.« — Es ist »der zwischenmenschliche Kontakt, der ihn befriedigt und beruhigt«l.

Was geschieht, wenn Verlassenheit zum Dauerzustand wird? Die Protestreaktionen des Kleinkindes lassen nach. Autoerotische Betätigungen verstärken sich und treten an die Stelle der Zuwendung der Mutter. Stereotype Bewegungsformen treten auf und ersetzen die freie Motorik eines geliebten Kindes. »Das Kind, dem die affektive Zufuhr vorenthalten wird, wendet die Aggression gegen sich«2, weil ihm das Vertrauen fehlt, seine Umwelt in- Greifen und Zupacken zu entdecken. Erik Erikson führt den Mangel an Urvertrauen bei Erwachsenen auf die frühe Verlassen­heit des Kleinkindes zurück.

Wir sollten uns nicht scheuen, von Mangel an Liebe als Ursache aller Verlassenheitssymptome zu sprechen. Eine Wissenschaft vom Menschen, welche die menschlichsten Worte scheut, leidet an sprachlicher Berührungsangst. Daher gab ich diesem Buch nicht den Titel >Die Wunde der Verlassenen<, sondern >Die Wunde der Ungeliebten<. Es gibt Kinder, die äußerlich nie verlassen, sogar oft gehalten und getragen, und doch nicht wirklich geliebt wurden. Der oft fast nur im Atmosphärischen spürbare Mangel an Liebe läßt sich bei näherer Beobachtung immer an feineren Signalen im Ver­halten der Eltern nachweisen. Vor allem aber ist er eine Realität, die vom Kind intensiv empfunden wird.

(S. 138/139)


Solche Urereignisse, die das Innerste und Eigenste eines Individuums ausmachen, sind in ihren Grundzügen gleichzeitig das Allgemeinste, Menschlichste, allen im Tiefsten Vertraute: archetypische Urgebärden der Mensch­werdung. — Hier zeigt sich erneut, daß »Individuation« »Partizipa­tion« bedeutet: Teilnahme am Menschsein. Gerade dann, wenn ich das Gefühl habe, das mir Eigenste und Persönlichste zu tun, bin ich in einer Urgebärde des Menschseins mit allen Menschen verbun­den. Wer sich zum ersten Male verliebt, hat den Eindruck, etwas absolut Neues zu erleben, auch wenn Millionen von Menschen es vor ihm erlebt haben.

(S. 140)


Wer frühes Leid unter dem anteilnehmenden Blick eines anderen zu später Stunde endlich leben darf, geht weiter als sein Leid: er entdeckt seine Kraft. Jetzt kann er sich selber geben' , was seine Mutter oder sein Vater ihm nicht gegeben haben: affektive Zuwen­dung, Wärme, Zuverlässigkeit und Befriedigung der Grundbedürf­nisse.

Nur das steckengebliebene Leid ist zerstörerisch. Das zur voll­ständigen Gebärde befreite Leid ist schöpferisch. — Der Mensch als Beziehungswesen braucht zu dieser Befreiung einen anderen Men­schen, dem er sich zu zeigen wagt. Solches Sich-Zeigen darf nicht mit demonstrativem Agieren verwechselt werden. Die Echtheit und Innigkeit im geschilderten Ereignis, der ausdruckskarge Ernst, der nur die notwendigen Gesten zuläßt, legen unmißverständlich Zeug­nis für ein wesentliches Geschehen ab, das in die Wandlung führt. Die Intuition des Therapeuten erfaßt und wählt den geladensten Moment für eine solche Erfahrung. Diese zu früh in Gang zu setzen, brächte die Gefahr unechten Agierens mit sich. Therapie würde zur Sensationshascherei. Dies wäre um so tragischer, als sich dadurch auch dieser Kanal zur Heilung verstopfen würde.

(S. 144/145)


13 Mentalmassage oder: die schnurrende Katze


14 Liebe ist anormal

Das lateinische Wort »norma«, das zum deutschen Wort »Norm« geführt hat, bedeutet »Winkelmaß, Regel, Richtschnur, Vorschrift«. Norm ist also das kollektiv Vorgesehene und Vorge­schriebene, das von vielen einzelnen uniform Erwartete. Sie will das Gegebene bewahren, während Liebe das Gegebene sprengt. Liebe ist anormal, insofern sie potentiell alles Normative außer Kraft setzt, was nicht heißt, daß wir Gesetze überschreiten müßten, um lieben zu können. Wer den instinktiven Drang der Liebe in seinem Sinn bejaht, gelangt zur Emanzipation und Befreiung in allen Bereichen. Die Normen haben ihre absolute Macht über ihn verlo­ren. Lieben und Befreien meinen dasselbe.

...

Die Liebe sprengt in jedem Falle frühe Lebensnormen. Doch wenn diese in der Kindheit übermächtig waren, wird sie nach einiger Zeit wieder von ihnen eingeholt und vernichtet. Nur Liebe, die in erster Linie Befreiung zu etwas Neuem hin ist, also eine ins Unbekannte hinein drängende Lebensbewegung, und nicht eine das Bekannte zerstörende Vernichtungsbewegung, kann das Verspre­chen der Freiheit halten.

Dafür gibt es viele Beispiele aus der Literatur. In Kleists Tragödie >Penthesilea< zum Beispiel ist der eigentliche Beweggrund der Liebe in der Titelfigur ein negativer, nämlich eine unmenschliche Norm zu zerbrechen: das unter den Amazonen geltende Gesetz, sich nur einem Mann hinzugeben, der vom Zufall zugespielt und in der Schlacht besiegt wurde. — Herrschen in einem Menschenleben starke, lebensfeindliche Normen, zielt das ganze unbewußte Trach­ten darauf hin, diese zu zerstören. Die Liebe ist dann nichts anderes als ein Instrument dieser Zerstörung. Sie bleibt also systemimma­nent, das heißt in den alten Normen befangen und fixiert. Wirkliche Liebe dagegen ist ihr eigener Beweggrund, sie richtet sich nicht gegen Normen, sondern relativiert diese in ihrer überschäumenden Lebensbewegung. Liebe ist nicht »antinormal«, das heißt gegen Normen gerichtet, sondern anormal, das heißt außerhalb des Abso­lutheitsanspruchs unveränderbarer Normen. Sie macht Normen zu veränderbaren Spielregeln, die dem Leben zugeordnet sind. Nor­men jedoch, die sich stärker als die Liebe erweisen, zerstören diese. Deshalb tötet Penthesilea schließlich ihren Geliebten Achilleus, den sie sich entgegen der unter Amazonen herrschenden Norm selber ausgesucht hat. Achilleus, der zunächst Penthesileas Befreiung von der Norm bedeutet, wird durch ihre Wahnsinnstat schließlich zur Bestätigung für die Macht des Normativen.


Im Geiste des Spiels, das verbindet, werden Normen zu Spielre­geln. Sie verlieren das Starre und Absolute, das der Lebensbewe­gung im Wege steht. Jetzt wird die anormale Liebe möglich. Absolute Norm, absolute Moral, ein absolutes »Du sollst« bedeutet immer Trennung vom Leben und Verlust der Selbstliebe. Das Bedürfnis nach Geborgenheit wird eine Zeitlang befriedigt, doch dann wächst die Bedrückung. Ungeliebte, die aus ihrer Unterwer­fung Liebe erhoffen, finden sich im »normalen« Gefühl des Unge­liebtseins wieder. Doch wenn die Gebärde, mit der ich umarme und Liebe gebe, eine Gebärde der eigenen Lebenslust ist, wandeln sich Normen in Sprachregeln, in eine »Grammatik der Gefühle«, dank der Verständigung und gemeinsames Tun möglich werden: Über­einkünfte zur Schaffung von Verbindungen.

Die Notwendigkeit einer abschreckenden Moral und Gesetzge­bung wird aus dem ungeheuren Ausmaß an Haß und Zerstörung abgeleitet. Doch können diese destruktiven Gefühle zum großen Teil in friedliche, verbindende Gefühle des Wettbewerbs und Kräf­temessens gewandelt werden. Der wichtigste gesellschaftliche Bei­trag der Tiefenpsychologie ist die Ermöglichung einer Kultur der Liebe in vielen einzelnen, die Ausarbeitung einer Normen spren­genden Energetik der Liebe.

(S.167)


15 Wesentliche Einsamkeit

Ungeliebte meinen sich von aller Welt verlassen. Daß sie sich selber verlassen, wissen sie nicht. —Diese beiden Sätze fassen alle Beispiele im vorgängigen Kapitel zusammen, insofern diese zeigten, daß die Verhaftung am Familienschicksal und die Blockierung der Selbst­liebe in die Verlassenheit führen, in die gleiche Verlassenheit, welche die Ungeliebten schon in der Kindheit gequält hatte. Sobald wir begreifen, daß der springende Punkt nicht im Verlassenwerden durch andere, sondern in der Selbstverlassenheit, in der Absonde­rung vom eigenen Wesen liegt, fangen wir an, die Blickrichtung zu ändern. Wir schauen mehr nach innen als nach außen, erwarten weniger Zuwendung und Hilfe von außen, und begnügen uns damit, die Hindernisse zur Selbstliebe und Selbstheilung aus dem Wege zu räumen. Nicht mehr nach außen fixiert, sondern nach innen orientiert, empfinden wir weniger Druck von außen als Drang von innen. Wir suchen nicht mehr fremde Quellen, sondern werden zur eigenen Quelle unserer Lebendigkeit. Wir erleben die Einsamkeit nicht mehr als Verlassenheit, sondern als Ursprung unserer Liebesfähigkeit. Daher wende ich mich in diesem Kapitel zunächst einem Alleinsein zu, das beklemmt und isoliert, und dann der Einsamkeit, die frei macht und verbindet. Letztere nenne ich wesentliche Einsamkeit, weil sie zur Reifung führt und sich unser Wesen in ihr entfaltet, wenn wir sie zu nutzen wissen.

»Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der Einsam­keit ein Gefängnis.«1 — Menschen, die es mit sich nicht aushalten und in Antriebsarmut und Unruhe fallen, sobald sie alleine sind, Menschen also, die sich nicht genug mögen, um sich in eigener Gesellschaft wohlzufühlen, sind Gefangene der eigenen Selbstlieb­losigkeit. Unstet schweifen sie in der Welt herum, auf der Suche nach einem, der den Schlüssel hat, ihr Gefängnis von außen zu öffnen. Sie suchen neue Freunde, neue Geliebte, neue Therapeuten, neue ideo­logische Führer, Lehrer, Meister, Gurus, Lamas, die ihnen das Geheimnis des Schlüsselwortes lüften und sie aus der Isolierung befreien sollen. Doch die Tür des Gefängnisses läßt sich nur von innen öffnen, und sie selber sind der Schlüssel dazu. Die Befreiung aus der Verhaftung im Ich hat seinen Anfang in der Selbstliebe.

Wirkliche Selbstliebe befreit vom Ich, und wesentliche Einsamkeit macht liebesfähig. Dies zu zeigen, ist mein Ziel in diesem Kapitel. Es gilt, endlich mit der Verleumdung des buddhistischen Menschen aufzuräumen, dieser vernachlässige in seiner Nachinnen-Gerichtetheit die Liebe zum Mitmenschen. Im Großen Fahrzeug des Buddhismus ist der zentrale ethische Wert »boddhicita«, das heißt wörtlich die Erleuchtung des Herzens, aus der das Mitfühlen mit allen leidenden Wesen quillt. Die Verehrung der Boddhisatvas, das heißt der zukünftigen Buddhas, deren Ziel es ist, durch Mitgefühl andere vom Leiden zu befreien, hat große Bedeutung. Gerade in buddhistischen Ländern finden wir viel unaufdringliche, warme, in der Verlebendigung des eigenen Her­zens wurzelnde Duliebe, aber keine »exzentrische« Nächstenliebe, die auch Dinge tut, die der andere für sich selber tun müßte, und ihren psychologischen Ursprung im Mangel an Selbstliebe und in der verdrängten Machtgier hat. Es gibt im Buddhismus keine Fremderlösung, wohl aber Selbstbefreiung. Diese bedeutet Liebe und Befreiung aus der Ichverhaftung. Dieses Paradox läßt sich nur durch Eigenerfahrung begreifen.

Der Weg zur wesentlichen Einsamkeit führt immer über das Leiden an der Isolierung und Verlassenheit. Dieses bleibt keinem Menschen ganz erspart. Es ist ein notwendiges Leiden des Wachs­tums. »Nur was weh tut, beginnt sich zu suchen Entweder führen unglückliche Lebensumstände real zu früher Verlassenheit, — oder aber das Gefühl, nicht verstanden, nicht angenommen, nicht geliebt zu sein, entsteht ganz natürlich in den notwendigen Ablö­sungsphasen des Lebens.

In solchen Augenblicken erfahren wir unsere Andersartigkeit, — nicht nur im Unterschied zur Mutter oder zu einem andern Men­schen, von dem wir anfangen, uns zu unterscheiden, sondern auch zu unseren bisherigen Vorstellungen von uns selber. »Ich ist ein Anderer«, schreibt Jacques Lacan (vgl. 8. Kapitel), nicht nur jetzt und zufällig, sondern immer und wesenhaft. Die beiden Welten der Vertrautheit und Fremdheit sind in uns selber. Im Gefühl der Fremdheit ist nicht nur Duliebe, sondern auch Selbstliebe ein Sprung ins Leere. Wir wissen nie ganz, wen wir da lieben. Mit jeder neuen Aufhellung kommt eine neue Verdunklung. Aufklärung ist nie zu erledigen, weil sie gleichzeitig Verwirrung ist. Das eine Auge schaut eine neue Ordnung, das andere eine neue Unordnung. Mit der einen Hand schaffen wir Verbindung, mit der anderen zeigen wir auf den trennenden Abgrund. Wenn wir beides gleichzeitig erfassen und nehmen, wie es ist, wandelt sich unsere Verlassenheit in eine Einsamkeit, in der wir uns zur Duliebe hin entfalten.

Es gibt Menschen, die im Drang nach Selbstoffenbarung sogar ihr Leben aufs Spiel setzen, so unabdingbar scheint ihnen die Mitteilung des Verborgensten zu sein. — So wird in >Andorra< von Max Frisch der Wahn von Andris Umwelt — die Dämonisierung der Juden — zum Wunschbild seiner Existenz: »Ich will anders sein.« Zwar ist er entgegen der Annahme der Umwelt selber gar kein Jude. Doch wird Judesein für ihn zur Chiffre für eine reale Andersartig­keit, für ein Geheimnis, einen zentralen Wert. Dafür zu sterben bedeutet mehr Leben, als angepaßt weiterzuleben. So wird Andri in der großen Judenschau zur Liquidation abgeführt. Das unaus­weichliche Verhängnis ist gleichzeitig seine entscheidende Freiheit.

Ich bekomme manchmal den Eindruck, als würden Menschen, die mir als Psychotherapeuten ein Geheimnis mitteilen, noch etwas anderes meinen, nämlich eine Andersartigkeit, die sich nicht in Worte fassen läßt, etwas ursprünglich Fremdes, ein reines Geheim­nis, das kein lösbares Rätsel ist. Diese existentielle Andersartigkeit, die auf keine konkrete Mitteilung ganz reduzierbar ist, sucht ver­geblich nach Ereignissen und Tatsachen, um sich auszudrücken. — Jemand kann heute eine Geschichte aus seinem Leben erzählen, die er für den Schlüssel seiner ganzen Existenz hält. Einige Wochen später erzählt er eine andere Geschichte, die für ihn dann den entscheidenden Hinweis auf sein Schicksal zu enthalten scheint, und so weiter. — Mit solchen Erklärungsversuchen verdrängt er das Existential der Einsamkeit oder des Ungeliebtseins, was das Gleiche ist, nämlich das Geworfensein in eine fremde Welt, das Empfinden des zu früh Geborenen, in einen unvertrauten Abgrund ohne Halt und Geborgenheit zu stürzen. — Er möchte wohl diese radikale Andersartigkeit überlisten, indem er Geheimnis um Geheimnis aus seinem Inneren hervorkehrt und bei dem durch Formulierung greifbar Gewordenen einen Halt sucht. Doch zeigt sein neues Suchen nach neuen Erklärungen, daß das Gemeinte nicht erklärbar ist. Andri ist nicht Jude, doch gibt er sein Leben für seine nicht näher zu umschreibende Andersartigkeit.

Wenn wir die Dimension unserer Andersartigkeit erkennen und anerkennen, wenn wir also zugeben, daß wir nicht alles im Griff haben, sondern uns selber stets entgleiten, ohne deswegen schizoid oder gar schizophren zu sein, dann geschieht etwas ganz und gar Merkwürdiges mit uns: wir verbinden uns mit der Welt und beginnen zu lieben. Indem wir unser existentielles Ungeliebt- und Ungeborgensein, unsere wesentliche Einsamkeit vor uns nicht mehr verbergen, sie sogar zum springenden Punkt unseres Daseins machen, ereignet sich eine unglaubliche, radikale Befreiung. Das Paradox ist unüberbietbar. Wir lassen uns mit unserem ganzen Wesen ohne den geringsten Beobachtungsabstand in die Realität des Ungeliebtseins und der Verlorenheit fallen, und sind zum ersten Male mit der Welt vollständig verbunden, sind Geliebte und Lie­bende in einem.

Ist dieses Paradox wirklich so seltsam? Ist nicht das bewußte Anderssein identisch mit der Befreiung von einem Ichbewußtsein, das uns von dem anderen in uns und der Welt, wie auch von den anderen isoliert hat? Ist nicht Einsamkeit im Grunde Berührung mit anderen Einsamen, Verbindung nicht im Bekannten, nicht in abge­sicherten Konventionen und Denkgewohnheiten, nicht im Festge­haltenen und Festbeschworenen, sondern im Unverfügbaren, von alleine Geschehenden, im wortlosen Geheimnis? Zwischen zwei Einsamkeiten entspringt die Liebe wie der Funken eines Verständ­nisses ohne Verstehen, einer Gefühlsintensität ohne erklärbare Gefühle, einer Befreiung, ohne daß sich zu Beginn die Lebenssitua­tion ändert. Diese Liebe stammt aus der Einsicht, daß alle Einsam­keiten eins sind, daß es nur eine Einsamkeit gibt, einen gemeinsa­men Abgrund, ein Verstummen, eine Leere. Die Einsicht in die Wurzelidentität von Geliebt- und Ungeliebtsein, von Beziehung und Einsamkeit ist das Ereignis, das uns zum Menschsein befreit. Individuelle Andersartigkeit, zum Beispiel Zugehörigkeit zu einer fremden Rasse, eine Behinderung, ein Gebrechen, der Norm widersprechende sexuelle Interessen, Linkshändigkeit, eine überra­gende Begabung oder ein geächtetes Laster weisen auf die funda­mentale Andersartigkeit jedes Menschen hin. Es ist wichtig, mit der individuellen Andersartigkeit identisch zu werden, uns ihr liebevoll als unserem besonderen Schatz zuzuwenden. Um jedoch der Isolie­rung zu entgehen, ist es ebenfalls wichtig, hinter der individuellen die fundamentale Andersartigkeit zu sehen, die wesentliche Ein­samkeit, die wir mit allen anderen Menschen teilen. Die offensicht­liche Andersartigkeit eines bestimmten Menschen ist das Signal für das Vorhandensein einer existentiellen Andersartigkeit und Fremd­heit. Wenn wir in die Haut eines beliebigen anderen schlüpfen könnten, würden wir sie wieder finden. Diese Einsicht ist auch für die Psychologie bedeutsam, weil wir versucht sind, existentielle Tatsachen durch Therapie überspielen und überwinden zu wollen.

In seiner autobiographischen Schrift >Einsam< hebt August Strindberg noch einen anderen Wert der Einsamkeit hervor: Der zeitweilige Rückzug in die Einsamkeit lenkt die Energie in brachlie­gende Anteile der Persönlichkeit, die durch zu starken äußeren Einfluß ungelebt bleiben würden. »Sich in die Seide der eigenen Seele einspinnen, sich verpuppen und auf die Verwandlung war­ten«, macht eine Neuorientierung aus eigenen Quellen möglich'. — Dies ist ein Aspekt der Einsamkeit, dem in der Tiefenpsychologie C. G. Jung als erster nachgegangen ist. Er nennt ihn »progressive Regression«: reculer pour mieux sauter — zurückweichen, um mit dem nötigen Anlauf besser zu springen. In der eigenen Wesenstiefe finden wir die Elemente für einen schöpferischen Neubeginn.

Etwas noch Merkwürdigeres geschieht im Laufe dieser Art von Meditation: Die Lebensregungen im eigenen Körper und in der Außenwelt werden völlig eins, aber nicht in dem Sinne, daß wir in einer Art von Trance oder Traumzustand uns und die Welt zu einer trüben »Erfahrungssuppe« zusammenmixen würden. Vielmehr be­wirkt die entspannte Aufmerksamkeit auf alles Geschehende ohne die Zwischenräume von störenden Reflexionen, daß sich unser Selbst und die Außenwelt in ein umfassendes Ganzes hinein auflö­sen, ein Ganzes, das wir in der jeweiligen Augenblickskonstellation präzise und nüchtern, aber auch in lebendiger Schwingung der Gefühle wahrnehmen. In jedem Augenblick wissen wir um das Ganze durch das Einzelne, das die Sinne anregt.

Folgende Stelle Jungs, in der er das Bewußtsein im Sinne der indischen Philosophie mit der Unbewußtheit im Sinne der Tiefen­psychologie gleichsetzt, trifft nur für die Trance hinduistischer Yogis zu und darf nicht für alle östlichen Meditationsformen verallgemeinert werden. Er schreibt: »Sie (die Yogin) vergegenwär­tigen sich nicht, daß ein >universales Bewußtsein< eine contradictio in adjecto ist, da doch Ausschließen, Auswahl und Unterscheidung die Wurzel und das Wesen all dessen ist, was Anspruch auf den Namen >Bewußtsein< erheben kann. >Universales Bewußtsein< hin­gegen ist, logisch betrachtet, identisch mit Unbewußtheit... Die Inhalte des Bewußtseins verlieren mit zunehmender Erweiterung an Klarheit im Einzelnen. Am Ende wird das Bewußtsein umfas­send, aber dämmerhaft; eine unendliche Anzahl von Dingen mün­det dann in ein undeutliches Ganzes, was an völlige Identität der subjektiven und objektiven Gegebenheiten grenzt. Dies ist alles sehr schön, aber kaum zu empfehlen für Regionen, die nördlicher gelegen sind als der Wendekreis des Krebses.«6

Im Gegensatz zu dieser Beurteilung der Meditationspraxis im Yoga durch Jung bedeutet Meditation für viele Yogis und Übende des Zen die Erfahrung einer unerhörten Befreiung zur Ganzheit durch möglichst unvoreingenommene, direkte Wahrnehmung von Einzelheiten, die in diesem Augenblick geschehen. Die dämmer­hafte Entfernung von der Wirklichkeit, wie sie das »normale« Bewußtsein kennzeichnet, ist aufgehoben. In Augenblicken offener Aufmerksamkeit fallen die üblichen Schleier der Verdrängung und Vermeidung. Daher kommt die mediale Klarsichtigkeit von Men­schen, bei denen Meditation und aktives Leben eins geworden sind. Sie erfassen schnell komplexe Sachverhalte, die andere mühsam und erfolglos angehen. Neben der prozeßhaften, reflexiven Aufarbei­tung von Verdrängungen gibt es tatsächlich deren zeitweilige Auf­hebung in der bewußten Identität mit dem Augenblicksgeschehen, wie sie von der Meditation gefördert wird. Aus der Perspektive dieser zweiten medialen Art der Bewußtwerdung von Verdrängtem sprechen wir nicht mehr objektivierend vom Unbewußten und von unbewußten Inhalten, sondern subjektiv von der Haltung der Unbewußtheit, die das Gegenteil der in der Meditation aufleuch­tenden Geistesklarheit ist. — Für eine wachsende Zahl auch westli­cher Menschen wird besonders seit etwa zwanzig Jahren diese Geistesklarheit, in der das Bewußtsein des Universalen und das des einzelnen identisch sind, zur alltäglichen Selbstverständlichkeit.

In der sich vertiefenden Meditation wird die Welt — Selbst und Du, Innen- und Außenwelt — zu einem einzigen Orchester und einer einzigen Symphonie, wobei sich die Frage der Unterschei­dung von Konsonanzen und Dissonanzen, Harmonie und Dishar­monie gar nicht stellt. Das große Ja zu allem Seienden ist auch ein Ja zum Nein: zu allen Negativpolen im energetischen Spiel der Kräfte, zu Vergänglichkeit und Tod. Die vom Leben abgetrennte Zerstö­rungswut schmilzt in dieses große Ja hinein und wandelt sich immer mehr in die Fähigkeit zuzupacken und Lebensmöglichkeiten zu ergreifen.

So erweist es sich in der Meditation, daß Einsamkeit und Duliebe miteinander identisch sind. Im Loslassen des Mein und Dein ma­chen wir die Erfahrung, daß »sich der Stoff des Universums nicht zerreißen läßt« (Pierre Teilhard de Chardin), — daß also bei sich zu sein gleichzeitig bedeutet, in der Welt zu sein, oder besser: die Welt zu sein, — daß der Leib mit seinen Sinnesorganen wie die übrige Welt Verbindung, Beziehung, pulsierende Energie ist, — daß es nur eine ungeteilte Liebe gibt, nämlich die Liebe zum Seienden, — und daß schließlich Liebe nichts anderes als dieses wache, glühende Sein in der Beziehung, das Seiende als Verbindung ist. — In Momenten »inneren Schweigens« erkennt der Mensch die Illusion von Gedan­kengängen, die ihn vom wahren Leben — von der Liebe — abschnei­den8.

Meditation hört nicht nach den zwanzig oder dreißig Minuten auf, während derer wir »sitzen«. Sie ist eine umfassende Art wahrzunehmen und zu lieben, an die wir uns in der »besonderen« Meditation wieder deutlicher erinnern. Sie bedeutet Geschehen- lassen, Nichtwiderstehen, Nichtabtrennen, bewußte Entspan­nung, wie ich am Beispiel der Mentalmassage gezeigt habe, die auch eine Form von Meditation ist. Sie ist die Seinsweise, die unserer Welt weiterhilft. — »Der moderne Weltprozeß führte zu einem Punkt, von dem an das Äußerlichste, die Politik, und das Innerlich­ste, die Meditation, dieselbe Sprache sprechen, beide kreisen um den Grundsatz, daß nur >Entspannung< noch weiterhilft. Alle Geheimnisse liegen in der Kunst des Nachgebens, des Nichtwider­stehens. ... Große Politik ist heute letztlich Meditation über die Bombe, und tiefe Meditation sucht in uns den bombenbauenden Impuls auf... Die einzige Frage bleibt, ob wir den äußeren Weg wählen oder den inneren — ob die Einsicht aus der Besinnung kommen wird oder aus den Feuerbällen über der Erde«, ob also Entspannung durch das innere Zusichkommen oder durch eine äußere Katastrophe eintreten wird. Der innere Weg der Entspan­nung ist Liebe zum Seienden, der äußere dessen Zerstörung.

Der wahrhaft Einsame verzichtet darauf, sich an Menschen, Denk- und Fühlgewohnheiten, Ideologien und Religionen anzu­klammern, also wo auch immer einen Halt zu suchen. Indem er diesen Verzicht leistet, befreit er sich von der Illusion einer Welt, von der er getrennt wäre und die ihm etwas ersetzen könnte, das er selber nicht ist. Er ist so innig und innerlich mit der Welt verbun­den, daß es für ihn keinen Halt, kein Anhalten mehr geben kann, ist er doch identisch mit der Verbindung zur Welt, mit der Welt als Beziehung, mit dem »universalen Fließsubjekt«. — Wohlverstan­den: Er bläht seine Subjektivität nicht bis an die Grenzen der Welt auf, sondern seine Subjektivität schmilzt in der Einsicht, daß Identität im Zwischen ist, wie Buber sagt, also in der Beziehung.

Es ist herrlich, einsam zu sein, wenn das Eine, in dem ich ein-sam bin, die Welt ist.



16 Energetik der Liebe: Die Befreiung vom Ichbewußtsein


in Arbeit...